Rastplatz

Angelique und Michael – 4

Der Wandelnde

Michael schwieg. „Das ist unsere Geschichte, die wir den Kindern erzählen. Im Rudelhaus kannst Du mehr erfahren“. Dann sah er sich aufmerksam um. Scannte die Gegend ab und sagte: „Hier ist ein guter Platz zum Rasten. Wir werden hier eine Weile bleiben.“ Ein kleiner Bach plätscherte fröhlich auf der rechten Seite. Alles sah einladend aus und der Platz wirkte so, als hätten hier schon viele andere gerastet. Michael lauschte. Als er hörte, wie die Vögel zwitscherten, entspannte er sich und glitt geschmeidig vom Pferd.

Er kam auf mein Pferd zu und hob mich und den Welpen vorsichtig hinunter. Hielt mich in seinen Armen sanft fest, bis ich mich daran gewöhnte wieder auf beiden Beinen festzustehen. Es fiel mir sehr schwer mich aus seinen Armen zu lösen. Da war wieder dieses warme, ziehende Gefühl. Der Strom, der zwischen uns pulsierte und mir den Atem raubte und mich hilflos zurückliess. Dieses Gefühl des Verlassenwerdens und der tiefen Sehnsucht einfach in seinen Armen zu bleiben. Dabei spürte ich, dass sich sein Körper versteifte und ich hatte das starke Gefühl, das es ihm ähnlich ging. Er presste seinen Kiefer fest aufeinander.

Dann führte er mich zur Seite, wo zwei große Steine lagen, die als Sitzplatz und Tisch dienten. Er kramte das mitgebrachte Essen heraus. Dörrfleisch und Brot, das noch frisch und sehr gut war. Michael reichte mir einen Becher Wasser, den er aus dem kleinen Bach gefüllt hatte. Es schmeckte köstlich und dann sassen wir schweigend da und betrachteten die Gegend. Michael stand auf, verstaute das Essen wieder in den Satteltaschen. Der Welpe spielte zu meinen Füßen im Gras. Es war eine friedliche Szene und Stille.

Der Welpe hob den Kopf und schnüffelte. Schien aber nicht beunruhigt.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, erschien vor mir die hochgewachsene Gestalt eines uralten Mannes in einer langen Kutte. Er war ganz einfach da.

Ich saß wie gelähmt und starrte ihn an. Michael war herumgewirbelt. Überwand den Abstand blitzschnell und legte beschützend seine Hände auf meine Schultern. Er flüsterte: „Der Wandelnde“

Alles um mich herum versank und ich fühlte mich, wie in einer weichen, wabernden Masse. Nicht Wasser nicht Luft! Es war etwas Anderes! Unbekanntes! Es existierten nur noch die großen tiefschwarzen Augen des Mannes und Michaels beschützende Hände auf meinen Schultern.

Dann begann er zu sprechen und die Worte drangen tief in meinen Körper hinein:

„Ich grüße Dich, Tochter des Mondes.

Du bist dem Ruf der Göttin gefolgt.

Fürchte Dich nicht. Du stehst unter ihrem Schutz.

Die Gaben, die sie Dir verliehen hat, werden erwachen.

Du wirst mit Deinem auserwählten Gefährten zwei Kinder zeugen.

Elin – die Strahlende.

Und Fenris – der Wolf in Menschengestalt.

Doch aus Deiner Linie wird einer hervorgehen,

der das Licht einer neuen Zeit trägt.

Und eine edle Herrscherin wird an seiner Seite stehen.“

Seine letzten Worte verhallten.

Niemand sprach.

Ich spürte das Blut in meinen Schläfen pochen. Etwas hatte sich verändert.

Nicht draußen – in uns.

Da hörte ich es.

Ein leises Wimmern.

Zuerst kaum mehr als ein Zittern im Atem. Dann ein Laut, roh und ungeschützt.

Der Welpe.

Er krümmte sich am Boden, als hätte ihn etwas Unsichtbares ergriffen. Seine Glieder spannten sich, sein Körper bäumte sich auf! Ein Schrei – halb Tier, halb Mensch – zerriss die Stille.

Ich wollte mich bewegen, doch etwas hielt mich zurück. Nicht Angst. Gewissheit!

Knochen schoben sich unter Haut. Fell wich Fleisch. Atem wurde zur Stimme.

Und plötzlich lag kein Welpe mehr vor uns.

Ein Junge stand da. Nackt. Zitternd. Mit Augen, in denen noch der Wolf glühte-

Er sah mich an.

Noch lag das Wilde in seinem Blick. Und doch war da etwas Neues. Etwas Offenes.

Er machte einen Schritt auf mich zu. Dann noch einen.

Ich spürte, wie mein Herz überfloss. Nicht vor Mitleid. Nicht vor Staunen. Sondern vor einer Liebe, die älter war als Worte.

Langsam streckte ich die Hand aus.

Meine Fingerspitzen berührten seine Brust. Sein Herz schlug fest gegen meine Hand. Warm. Stark. Lebendig.

Und da wusste ich es.

„Alrik, mein Junge“, sagte ich leise.

Er sah mich an. Etwas löste sich in seinem Blick. Das Wilde wich – nicht ganz, aber genug.

Dann lächelte er.

„Mutter.“

Sein Wort war kaum mehr als ein Atem, und doch erfüllte es den Raum.

Ich hob den Blick.

Der Wandelnde stand noch dort. Still. Unbeweglich.

Für einen Augenblick begegneten sich unsere Augen. Kein Lächeln. Kein Nicken. Nur Wissen.

Im nächsten Atemzug war er fort.

Und Alrik stand vor mir, nackt, verletzlich. Ich zog ihn in meine Arme. Wir umarmten uns fest und voller Liebe.

Michael, eben noch hinter mir, kniete vor uns. Er flüsterte: „Angelique! Weisst Du, was Du getan hast?“

Ich lächelte sanft, sah ihn an: „Ich weiss!“

„Weisst Du was Du getan hast? Du hast vor zwei Zeugen, vor dem Wandelnden, dem Welpen seinen Namen Alrik gegeben. Du hast ihn mein lieber Junge genannt. Er nannte Dich Mutter. Du bist nun seine Mutter. Nicht durch Geburt, sondern durch Wahl. Du gehörst nun unabänderlich zu unserem Rudel. Das ist unser Gesetz!“

Ich lächelte während ich ihn ansah: „Ich weiss!“

Er sah mich mit einem staunenden, ehrfurchtsvollen Blick an. Umarmte uns Beide voller Liebe.

So verharrten wir eine ganze Weile. Dann löste ich mich sanft von den Beiden und sagte: „Die Sonne wandert schon abwärts. Wir sollten bald aufbrechen. Außerdem brauchen wir Kleider für Alrik. Hast Du etwas Brauchbares dabei?“

Michael stand schnell auf und sagte: „Du hast recht Angel!“ Er kramte in den Satteltaschen und förderte einen ähnlichen Anzug, wie ich ihn trug, zutage. Ich nahm ihn und zog ihn Alrik an.

Er war ein bisschen groß. Aber ich passte ihn provisorisch mit Nadel und Faden an. „Das muss reichen!“ sagte ich. Michael sagte verblüfft: „Woher kannst Du das?“ „Meine Mutter hat mich das gelehrt!“ sagte ich ein bischen traurig. Er sah mich fragend an. Aber ich ging nicht darauf ein. Keine Zeit für Erklärungen.

Michael sah Alrik an. „Nun kannst Du ihn nicht mehr an Deinem Körper tragen. Er wird sicher nicht mit mir reiten. Du musst ihn vor Dir im Sattel reiten lassen.“ Ich nickte. Wir packten zusammen. Michael setzte erst mich und dann Alrik vor mir aufs Pferd.

Dann ritten wir schweigend los. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

Wird fortgesetzt

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