Die Stärke in der Schwäche
„Versuchen wir uns doch einmal entschieden auf die Seite des Positiven zu stellen, in jeder Sache.“
Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Wie kann denn eine Schwäche auch etwas Gutes haben fragt man sich vielleicht spontan … das ist ja widersprüchlich!
Die Stärke in einer Schwäche zu erkennen wird mit einem Perspektivenwechsel möglich – sobald die Aufmerksamkeit von einem äusseren, schwachen oder störenden Verhalten oder Zustand, hin zum inneren Beweggrund umschwenkt.
Ein Mensch, der beispielsweise auf zu viele Reize vom Aussen nervös reagiert und sich dann etwas „gestört“ verhält, der hat offenbar ein so sensibles Nervensystem, dass ihm nichts entgeht. Er nimmt alles wahr, selbst die ganz feinsten Zwischentöne von Stimmungen in jeder möglichen Situation und er kann nicht anders, als auf seine Art darauf zu reagieren, weil diese vielen Reize so intensiv auf ihn einwirken.
Diese Feinfühligkeit ist jedoch auch eine Gabe!
Wie kann dann nur eine solch feine Wahrnehmung zu einer Schwäche degradiert werden?
Man könnte auch sagen, dass alle Menschen, die nicht mehr auf äussere Reize reagieren, abgestumpft sind und ihnen diese Wahrnehmung fehlt. Aber nein – man orientiert sich am Verhalten, das gerade eben vielleicht etwas unbequem ist, und nicht am wirklichen Beweggrund. Dass die vielen Reize auch für die anderen Menschen eher ungesund sind, an das denkt man nicht.
Durch unsere Sozial-Normen und vor allem den Leistungsanforderungen passiert diese oberflächlihce Bewertung dauernd und so schnell und unbemerkt, dass wir meistens nichts davon mitbekommen. So auch nichts von den Folgen, die daraus entstehen.
Zu diesen hochsensiblen Menschen wie oben beschrieben wird dann gerne und oft erklärt, dass ihnen die „Filter“ fehlen, um das „Zuviel“ abfiltern zu können und man gibt ihnen beispielsweise Medikamente, um ihre Wahrnehmung einzudämmen.
Um diese solche Welt zu ertragen und vor allem, um im System funktionieren zu können, ist es dann tatsächlich vielleicht eine Lösung, sich diese feinen Fühler mit Substanzen abdämpfen zu lassen. Verständlich ist es allemal … aber will man das wirklich? Das heisst ja übersetzt, dass man mit den natürlichen Anlagen und Fähigkeiten, die man mitbringt, nicht gut ist? Jedenfalls sagt es einem, dass man anders sein sollte.
Man geht also davon aus, dass sich der Mensch an die Welt und an die Gegebenheiten anzupassen hat. Dass also der Mensch eine Schwäche hat, wenn er in der – doch so gesunden? – Gesellschaft der heutigen Welt nicht klar kommt – weil er aus irgend einem Grund den allgemeinen Vorgaben oder den Vorstellungen des Aussens nicht entspricht …
So hat sich ein jedes Kind an die Schulsysteme anzupassen.
Es muss die Masse an Menschen ertragen können, die in den Klassen und in der ganzen Schule ein und aus gehen. Es muss auch das Tempo mithalten können, sonst fällt es schon auf. Und wenn es beispielsweise wegen der Langsamkeit auffällt, dann sieht man selten die Ruhe und die Qualität, die es in die Gruppe bringt, mit seiner Gelassenheit und seiner Präsenz im Augenblick, denn diese fällt viel weniger auf! Nein – diese wird als selbstverständlich angenommen und meist auch nicht gewürdigt!
Nein, man hält sich an der Langsamkeit auf, weil sie vielleicht den Unterrichtsfluss bremst oder alle warten müssen. Man übersieht den unschätzbaren Wert der Geduld und Musse, der in dieser so besonderen Eigenart steckt. Nicht nur das! Man macht daraus ein Problem! Und aus diesem Problem erwächst ein Komplex … und schon ist ein Mensch abgespalten, weil er fühlt, dass er anders sein müsste als er in Wahrheit ist. Weil er einen seiner sehr wertvollen Teile nicht leben darf – weil dieser immer wieder als Schwäche gewertet wird – und das prägt!
Um eine negative Prägung zu neutralisieren braucht es mindestens 7 positive Erfahrungen … dies nur so als kleiner Hinweis nebenbei. Negative Prägungen verankern sich im Nervensystem deutlich tiefer als positive, weshalb es mehrere – oft etwa sieben – korrigierende, positive Erfahrungen braucht, um ihre Wirkung abzuschwächen.
Ein anderes Beispiel:
Aggressives Verhalten wird besonders schnell als Schwäche abgestempelt. Als etwas, das kontrolliert, unterdrückt oder „wegtherapiert“ werden muss. Dabei wird so schnell und unmerklich übersehen, dass Aggression zunächst nichts anderes ist als rohe Energie – Lebenskraft, Tatkraft, ein inneres Aufbegehren.
Ein Mensch, der aggressiv reagiert, spürt oft sehr klar, wo Grenzen überschritten werden, wo etwas nicht stimmig, nicht gerecht oder nicht wahr ist. Seine innere Alarmanlage schlägt früh und heftig aus. Hinter der Aggression liegt häufig ein starker Wille, ein ausgeprägter Sinn für Integrität und ein Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit. Diese Menschen können sich innerlich nicht verbiegen, sie halten Spannungen schlecht aus und bringen sie deshalb nach aussen.
Was als destruktiv erlebt wird, ist oft ungelebte Stärke: Mut zur Konfrontation, Durchsetzungsenergie, der Drang, etwas zu verändern. Wird diese Kraft nicht gesehen, nicht gewürdigt und nicht in eine bewusste Form begleitet, richtet sie sich gegen das Umfeld – oder gegen die Person selbst. So wird aus einer potenziellen Stärke ein Problem gemacht, nicht weil die Energie falsch wäre, sondern weil ihr kein Platz gegeben wird, in dem sie konstruktiv wirken darf.
Die Schwäche als Ansatz nutzen
Gerade dort, wo eine vermeintliche Schwäche sichtbar wird, liegt auch der Ansatzpunkt für die Wandlung. Durch bewusste Zuwendung dahin kann sich die Qualität dahinter wieder entfalten. In der Langsamkeit kann Gemütlichkeit erkannt werden. Oder ein ausgleichender Pol zum heutigen Stress der Welt.
Eine Energie, die bislang störend wirkte, kann umgelenkt werden – wenn man die Stärke dahinter herausschält, sie aufzeigt und anerkennt. Auch durch echte und angepasste Herausforderungen, die „diesen Muskel“ trainieren und stärken und auch durch das Übertragen von Verantwortung passiert die positive Wandlung.
Wird einem Menschen zugetraut, mit seiner besonderen Art, der Intensität, seiner Sensibilität oder seiner Aggressionskraft umzugehen, dann richtet sich diese Energie neu aus.
Mit Vertrauen, einer klaren Führung und der radikalen Sicht auf einen positiven Beweggrund aus der reinen Absicht heraus wird eine tragende Ressource geboren. Diese bewirkt das Zurückführen eines Menschen in seine eigene Kraft. Die vermeintliche Schwäche wird dadurch anders verstanden und integriert. Und genau darin liegt ihre eigentliche Stärke.
Ich wage mich hier an dieser Stelle zu dieser etwas wagemutigen Aussage, hinter der ich jedoch voll und ganz stehe, während ich gleichzeitig keine der negativen Auswirkungen destruktiven Verhaltens gutheisse! Ich sehe in der ressourcenorientierten Haltung jedoch eine Chance und ein Lösungsansatz, besser mit eben dieser Destruktivität umgehen zu lernen oder sie eben möglichst zu vermeiden:
„Hinter jedem Verhalten wirkt auch eine zutiefst positive Absicht und Kraft – ein Versuch, zu schützen, zu bewahren, zu verbinden oder wirksam zu sein; erst unsere Bewertung macht daraus eine Schwäche.„
Praktisches Beispiel aus einer Kindergarten-Klassensituation mit einigen störenden Kindern
Alter der Kinder 4 – 6 Jahre:
Eine mögliche, sehr sehr einfache Strategie ist, den Miesepetern, die z.b. schlechte Laune verbreiten, die Spiele ins Lächerliche ziehen oder die mich als Lehrperson „ausbuhen“, dass ich denen die Aufmerksamkeit für eine kurze Zeit komplett entziehe und mich an die gut gelaunten Kinder wende und zu ihnen sage: „So, jetzt habe ich eine Nachricht an alle gut gelaunten Kinder hier, die mitmachen: Wow! Danke ihr lieben Kinder, dass ihr euch nicht von der Miesepeter-Stimmung anstecken lässt, denn dies ist wirklich eine Leistung! Ihr wisst gar nicht, wie wichtig ihr seid! Da nicht mitzumachen ist echt stark! Wie schafft ihr das?“ Oder: „Wie machst du das XY, dass du so gut gelaunt bist? Wie fühlt sich das an?“
Dann setze ich noch einen drauf, wenn ich sage: „Ich glaube so miesepetern … das ist doch sicher auch anstrengend, und dann muss ich schimpfen und immer wieder diese Schimpfe zu empfangen ist doch auch nicht schön, oder? Für euch ist es sicher sehr mühsam, das Geschimpfe ertragen zu müssen, für das ihr gar nicht verantwortlich seid. Wie könnt ihr das bloss aushalten?“
Vielleicht rufen die Miesepeter dann rein: „Ist uns doch egal!“ oder Ähnliches … aber darauf reagiere ich nicht!
Und dann sage ich noch: „Ich danke euch also an jedem einzelnen Tag, ihr gut Gelaunten, dass ihr euch nicht anstecken lässt von den Miesepetern! Dank euch sind wir nicht plötzlich alle in dieser schlechten Stimmung von Strenge und Schimpfen … denn wir wollen es doch eigentlich schön und lustig haben und ihr wisst das. Und ihr wisst wahrscheinlich auch, dass ich nur schimpfe, wenn es nicht anders geht … und ja … das mache ich gar gar gar nicht gerne! Ihr helft mir also sehr sehr fest mit eurer guten Laune und deshalb bin ich euch so so dankbar!!! Ich kann euch gar nicht sagen wie dankbar ich euch bin!“
Da übertreibe ich vielleicht etwas – ja ich überschütte sie einfach m,it Lob und Dank und Aufmerksamkeit! Dafür gibt es viele Worte. Meine sind einfach ein Versuch … ein einfaches Beispiel.
Ich bin hier nicht fies und rede schlecht über die Miesepeter. Eher tut es mir leid, dass sie in dieser unguten Rolle irgendwie gefangen sind und dass sie da fast nicht raus kommen – und dass sie nur verlieren so – also nichts erreichen. Die Idee ist, dass die Störung ins Leere läuft – so wie beim asiatischen Kampfsport, wenn die Angriffskraft ins Abseits gelenkt wird.
Die Miesepeter werden dann so meistens still – jedenfalls mit der Zeit, wenn sie merken, dass sie auf ihr Verhalten gar keine Reaktion mehr erzielen, denn Ignoranz ist die grösste Strafe.
Die Störefriede sind es eigentlich gewöhnt, dass sie normalerweise sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Dies durchbricht jetzt also ihre Gewohnheitsmuster und sie merken, dass sie mit ihrem Verhalten nichts für sie Gutes mehr bewirken können, weil schlicht und einfach nichts mehr zurück kommt.
Vielleicht fühlen sie sich jetzt etwas im Stich gelassen und um dies aufzufangen, versuche ich ab sofort, meinen Fokus bei diesen Kindern NUR NOCH auf ihre positiven Eigenschaften zu legen. Jedes Kind hat Gaben, die ich herausheben kann und genau das mache ich dann bei der nächsten und auch bei allen folgenden Gelegenheiten und schaffe direkt immer wieder Situationen, in denen sie diese Stärken zeigen können – auch in geführten Sequenzen, so dass es alle Kinder direkt mitbekommen.
Beispiel:
XY ist vielleicht motorisch sehr geschickt. Ich leite dann gezielt Spiele an, bei denen es genau um diese Fähigkeiten geht und sage z.b. zu diesem Kind eher so nebenbei: „Wie schaffst du es, so lange auf einem Bein zu balancieren? Zeigst du uns, wie das geht? Kennst du einen Trick, den du uns verraten kannst? Kannst du es uns lehren?“
Viele solcher kleinen, positiven Verstärker bewirken wahre Wunder!
XY ist ein wahrer Spassvogel und kann so lustig Witze erzählen … das ist unglaublich bereichernd für die Gruppe und kann gefördert werden!
XY kann vielleicht gut Papier falten und exakt schneiden. Ich ernenne ihn zum Chef für diese Aktivität und sage: „Wenn ihr ein Problem habt oder nicht wisst wie es geht, dann könnt ihr XY fragen, der kennt sich super damit aus, der kann euch helfen!“
Verantwortung zu übertragen kann ein wahres Zaubermittel sein und Kinder werden so oft unterschätzt. Sie lieben es, etwas gut zu machen und gut zu können, vor allem die „Miesepeter“! Sie sind gerne stolz und nehmen es sehr ernst, wenn ihnen etwas zugetraut wird – solange es in ihrer Fähigkeit liegt und es sie nicht überfordert!
Meine Strategie ist also die, dass ich – so gut ich es schaffe – radikal nur noch auf die Stärken reagiere. Die Schwächen im Sinne von störendem Verhalten ignoriere ich wenn es geht oder setze so klare und strenge Massnahmen und Konsequenzen radikal und wortkarg um – ohne grosse Erklärung. Sie kennen die Regeln längst und wissen dann, was ihnen blüht, wenn sie sie übertreten.
Ich richte mich nach 3 einfachen Regeln, die eigentlich alles enthalten:
1. Ich passe auf mich selbst auf
2. Ich passe auf die anderen auf
3. Ich passe auf die Umgebung auf (Spielsachen, Material, Lebewesen)
Konsequenzen bei Missachten der Regeln sind:
1. Kind braucht eine Begleitung, die unterstützt (anderes Kind)
2. Wer Andere stört braucht einen Schutzraum um sich herum, der die Anderen schützt. Es beschäftigt sich für eine gewisse Zeit alleine.
3. Angebote werden für eine Zeit eingeschränkt. Umgang mit Freiheit wird geübt.
Am Ende des Unterrichts hilft eine „Feedback-Runde“, das Geschehene zu verarbeiten und abzuschliessen. Das ist sehr effektiv und dauert nur ein paar Minuten.
Anleitung:
„Möchte sich jemand bei jemandem bedanken?“
„Möchte sich noch jemand entschuldigen, bevor er/sie mit schlechtem Gewissen nach Hause geht?
„Liegt jemandem noch etwas anderes schwer auf dem Herzen?“
Rückmeldungen können so sein:
„Ich fand es schön, dass du mit mir gespielt hast!“
„Mich stört es, wenn du über mich bestimmst.“
„Entschuldigung, dass ich dich geschubst habe!“
Die gelebte Haltung
Die Stimmung in der Klasse kann sich so schnell ändern und das ist keine Hexerei sondern eine gelebte Haltung! Es wächst damit eine Kultur des Wohlwollens und des „Füreinander seins“. Vieles reguliert sich damit von selbst.
„Versuchen wir uns doch einmal entschieden auf die Seite des Positiven zu stellen, in jeder Sache.“
Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Das heisst nicht, dass nur noch „Friede, Freude, Eierkuchen“ herrscht … denn auch so ist es ein tägliches Umgehen mit Menschlichkeit und das Erkennen der Stärke in der Schwäche fordert viel Bewusstsein, Geduld und Fokus.
Aber es ist richtungsweisend, sich wirklich für die Stärke in der Schwäche zu positionieren und einzusetzen – und dies lohnt sich allemal, so finde ich. Hans Christian Morgenstern bringt es auf dem Punkt!
Vielen Dank für das Interesse und die Aufmerksamkeit für dieses so wichtige Thema!
Ursina
