Meerjungfrau
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Alyssa – die Meerschaumtänzerin

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„Dia duit!“, lieber Mensch!

Es freut mich, dass Du mich, Éala, die Meerfrau, besuchst, und so werde ich Dir über meine Heimat erzählen. Über den Atlantik, der Irland umwogt, und im Rücken Irlands auf eine noch größere Insel trifft, nämlich jene, auf der sich die Länder Schottland, Wales und England erstrecken.

Da die Menschen schon immer Freude daran hatten, allem, was ist und auch allem, von dem sie denken, dass es das nicht gibt, einen Namen zu geben, wobei das schon lustig ist, etwas einen Namen zu geben, das es nicht geben soll, nennen die Menschen den Atlantik zwischen Irland und Schottland den Nordkanal, zwischen Irland und Wales den St.-Georgs-Kanal (der sich fortsetzt in die Keltische See), und den Atlantik zwischen Irland und einer langen Küstenlinie von Wales und England nennen sie die Irische See.

Die Irische See übrigens, in der ich mich oft aufhalte, weil ich mich in Menschengestalt in Wales, Schottland und England umsehe, heißt in der irischen Sprache Muir Éireann. Schön, nicht?!

Und jetzt halte Dich fest, denn Irland, diese wunderschöne Insel, gilt als die drittgrößte in Europa und die zwanziggrößte auf der Welt. Ist das nicht großartig? Na ja, jedenfalls für mich und sicherlich für ganz ganz viele Iren.

Ach ja, Irlands Name lautet im Irischen Éire und im alten Irischen Ériu und findet seinen Ursprung in der keltischen Sprache. In dieser lautet er üppiges Land.

Dass man Irland auch die „Grüne Insel“ nennt, stammt sicherlich von einem schwärmerischen Menschen, der dieses Land liebt. Oh nein, nicht von mir, wobei auch ich mich Irland verbunden fühle und es tief im Herzen habe, aber diese wundervolle Namensgebung maße ich mir nicht an. Wobei sie stimmig ist, denn, lieber Mensch, warst Du schon einmal in Irland?

Hast Du einmal schon die Farbpalette des irischen Grüns mit eigenen Augen gesehen? Dich daran bestaunt und begeistert? Dasselbe Grün nach einem kurzen aber heftigen Landregen unter der wieder hervorkommenden Sonne in wechselnden Grün-Nuancen erleben dürfen? Falls ja, wirst Du immer noch fasziniert davon sein. Du wirst quer durch das Land gereist sein, die sanften Hügellandschaften in Irlands Mitte besucht haben, vielleicht hast Du auch Berge bestiegen. Vielleicht bist Du auch durch die uralten Wälder Killarneys gestreift. Und freilich wirst Du auf den teils hoch gelegenen Küstenwegen gewandert sein mit dem Blick auf den Atlantik und hin zum endlosen Horizont, dass es Dir vor Begeisterung beinahe das Herz in der Brust gesprengt hätte. Hattest Du auch das Empfinden, Eins mit dieser Insel zu sein? Eins mit dem Zauber, der über ihr liegt und zu erspüren ist?

Plitsch-platsch, lieber Leser, weißt Du, was eine Wellenschaumtänzerin ist?

Vor Irlands südlicher Küste gibt es unter uns Meeresbewohnern viele, die den Tanz lieben. Jedenfalls Bewegungen, die einem Tanz, wie Menschen ihn vollführen, ähnlich sind. Zahlreiche Meeresbewohner verlangt es ohnehin danach, in Bewegung zu sein. Gut, ich spreche jetzt nicht von Alfie, dessen Art es eigentlich am liebsten hat, sich für den lieben langen Tag und auch noch die Nacht im Sand einzugraben und zu dösen. Alfie ist da wirklich eine Ausnahme, denn in meinem Haar getragen nimmt er Anteil daran, sich am Tag und auch noch zu mancher Stunde in der Nacht zu bewegen, weil ich mich bewege! Doch das macht ihm nichts aus, im Gegenteil: Von Anfang an fand er Gefallen daran, weil er seiner Familie nach unserer Rückkehr von Abenteuern auf gemeinsamen Reisen erzählen kann und in seiner Begeisterung darüber knallrot wird, eine Färbung, die ihm besonders gefällt.

Ach du liebe Güte, jetzt habe ich mich mal wieder verplaudert. Wo war ich denn eigentlich?! Ach ja, ich wollte Dir, lieber Leser, von dem Tanz mancher Meeresbewohner erzählen, nämlich dem Wellenschaumtanz. Eigentlich tanzen ihn nur Meerfrauen, weil Meermänner finden, dass sie die Zeit besser verwenden könnten. Meermänner halt!

Es wird Dich, lieber Leser, nicht verwundern, dass für uns das Wasser das schönste Element ist. Schließlich leben wir ja auch im Wasser. Wasser ist nicht nur Wasser, möchte ich Dir, lieber Mensch, sagen. Es ist ein Träger und Beförderer pulsierender Energie. Oh … das ist überaus spannend, doch darüber werde ich ein anderes Mal berichten.

Jetzt aber endlich zum Wellenschaumtanz! Die beste Wellenschaumtänzerin, die es im Atlantik um Irland gibt, ist eine meiner jüngeren Schwestern, nämlich Alyssa. Wobei die Bezeichnung „Beste“ so nicht stimmt, denn gemeint ist eigentlich anmutig. Das ist die richtige Bezeichnung für Alyssa, die es liebt, im Wellenschaum zu tanzen. Alyssa steht für die Schöne und sie selbst für Anmut, und beides verkörpert meine Schwester ausgesprochen. Von diesem Namen erzählte ich meiner Meermutter nach einer meiner Reisen nach Deutschland, wo ich in der Zeit dort als Menschenfrau mit einem lieben Mann aus dem Volk der Menschen und einer zauberhaften Katze lebe. Alyssa leitet sich von dem alten althochdeutschen Frauennamen Adelheid ab, der „die Schöne“ bedeutet. Meine Meermutter war so begeistert davon, dass sie ihrem nächsten Mädchen, dem sie das Leben schenkte, den Namen Alyssa gab.

Alyssa warf sich von klein auf voller Begeisterung in die Wellen, von denen ihr keine zu hoch oder entfesselt war. Sie verbindet sich mit den Wellen, die vor Irlands Küste durchaus 30 Meter und höher sein können, verbindet sich mit der Kraft und Reinheit des Wassers, das diese Frequenzen in sich trägt. In der rauschenden, schäumenden Brandung lässt sich Alyssa in die Gischt auf die Wogenkämme tragen, lässt sich mit den Wellen dahinjagen, schlägt Salti, umarmt entstehende Wassersäulen, und durchschneidet wie ein pfeilschneller Fisch hochaufragende gläserne grüne oder türkisfarbene Wasserwände. Während des wilden Tanzes schmiegt sich ihr zarter langer Rock wie ein schneeweißer Schleier um sie.

Mancher Seemann auf Schiffen, die bei einem Unwetter in höchste Not geraten, klammert sich panisch und im Ahnen um das nahe Verderben an die Reling und erstarrt schier im Anblick des aufgepeitschten Wassers, das mit dem Himmel zu einem schmutzigen, lichtlosen Abgrund in die Tiefe verschmilzt. In dieser entfesselten Urgewalt beginnt es, dass überall kleine weiße Lichter auf der Oberfläche des Wassers aufflackern.

Ein Licht zu bringen … lag und liegt immer in der Absicht meiner Schwester und ihrer Freundinnen, wenn ein Sturm das Meer in ungehemmte Gewalt versetzt und die Seeleute aller Zuversicht beraubt erscheinen. Dann stürzen sich die Wellenschaumtänzerinnen in die Gischt, um den Menschen auf den Schiffen ein Licht der Hoffnung zu bringen. Gleich, ob das Schicksal das Leben für sie bereithält oder sie aus dem Tosen in der Luft mitfortgenommen werden in die in der Tiefe immer stiller werdende Welt unter Wasser.

So ist es in der Gegenwart und war es zu allen Zeiten der Schifffahrt.

Wir Meerfrauen lieben es, kurz vor Sonnenaufgang an die Oberfläche des Wassers zu kommen und in den sanften Wellen das Erscheinen der Sonne zu erwarten. Wir verhalten uns dabei ganz still und lachen oder kichern auch nicht, wenn bewegtere Wellen mit uns spielen. Mit klopfenden Herzen ersehnen wir die ersten goldenen, warmen Strahlen auf unseren Gesichtern. Lieber Mensch, ich sage Dir, das ist ein beglückender Augenblick. Auch am Abend begleiten wir die Sonne in ihrer Schönheit und purpurnen Kraft, wenn sie sich für den Tag verabschiedet und am Horizont immer tiefer sinkt, bis sie nicht mehr zu sehen ist.

Lieber Mensch, ich schwelge in romantischen Gedanken, doch will ich Dir eigentlich  verraten, dass Alyssa und ihre Freundinnen heute wieder vor der Küste bei den beeindruckenden Cliffs of Moher an die Oberfläche kommen werden. Ein Sturm ist angekündigt, der über das Wasser heranjagen wird, um an den Riffen dort ein wenig scheuern zu lassen und alte Ablagerungen fortzukratzen, was den uralten, felsigen Geschöpfen das gleiche sein mag, als wenn sich ein Mensch verzückt den Rücken abreiben lässt.

Die Wellen werden für Alyssa und ihre tanzbegeisterten Freundinnen nicht bedrohlich sein, für euch Menschen schon. Das begeisterte Lachen und Jauchzen der Meerfrauen wird für euch nicht zu hören sein, schon wegen des Sturms, der sein eigenes Rauschen darüberlegen wird. Menschen werden sich über den Küstenweg aufmachen, um von dort die immer höher werdenden Wellen herankommen zu sehen. Unsichtbar allerdings werden den Menschen die Luftsylphen bleiben, die sich in den wilden Böen jagen und dort einem feurigen Tanz hingeben. Scharen schneeweißer Möwen werden im herrischen Wind wie ausgeliefert und von schroffer Hand fortgerissen wirken, doch jeden Luftwirbel für ihren Flug meisterlich zu nutzen wissen.

Alfie und ich werden uns wieder zu den Menschen auf den Klippen gesellen. Weißt Du denn bereits, wer Alfie ist, lieber Leser? Er ist ein kleiner roter Seestern mit zartrosa und weißen Streifen. Er stammt aus der Familie der gemeinen Sonnensterne. Aber ich sage Dir, er ist alles andere als gemein, sondern mein bester Freund. Alfie wird sich als ein Schmuckstück in meinem Haar festklammern, aus dem selbst die wildeste Böe ihn nicht fortreißen könnte, und ich werde mich in menschliche Gestalt hüllen. Freilich werden mich wieder die Luftsylphen entdecken und an meinen langen Haaren zerren, wie sie es stets kichernd tun, wenn aus meinem Fischschwanz Beine werden, um mich an Land zu tragen.

Mitten unter ihnen werden Alfie und ich den Menschen zuwispern. Einige werden wir in ihren Sinnen erreichen. Liebe Menschen, in euren Sinnen. Ihr merkt es, wenn euch die Sehnsucht nach Freiheit packt, wenn ihr euch hingezogen fühlt zu den Elementen Wasser und Luft und der Erde unter euren Füßen, die euch Sicherheit schenkt. Ihr erweckt in euch Liebe zur herrlichen Natur, auch zur Kraft, sogar zur Unberechenbarkeit des Meeres. Ihr seid fasziniert von den meisterlichen Flugkünsten der Möwen, die sich im Sturm herumwirbeln lassen und so nahe an die Klippen heranfliegen, als wollten sie sich daran zerschellen. Ihr schrilles Kreischen vermag es, selbst den Sturm zu übertönen. Es erreicht die Schaulustigen auf den Klippen, als wollten die Vögel sie locken, selbst wagemutig, gewandt und meisterlich im Leben zu sein.

Plitsch-platsch … jetzt muss ich aber fort, denn ich habe noch eine Verabredung mit einer Schar von Delfinen, die mit mir in den Sonnenuntergang schwimmen wollen.

Lieber Mensch, bei Deinem nächsten Besuch werde ich Dir von wundervollen Geheimnissen im Meer erzählen.

Ich wünsche Dir einen lebendigen Tag, frischen Wind um die Nase, und einen Kopf voller sprudelnder Ideen!

                                                            Slán leat!

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