Mystischer Wald

Angelique und Michael 1

Erster Teil

Ich wachte auf. Für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war. Dann kam es zurück – Virginia! Oh ja! Mein Herz machte einen Sprung! Ich bin glücklich! Endlich, Angelique! Hier bist Du, 23, in deinem VW-Bus, an deiner Seite dein Schäferhund Blacky. Was willst Du mehr?!

Ganz stimmte das nicht! Aber irgendwie spulte sich alles in mir so ab oder ein.

Ich war seit einem Jahr zu Besuch bei meiner Cousine Barbara in den USA, die mich an Microsoft vermittelt hatte, wo einige meiner „family“ arbeiteten.

Es war sowas wie ein Schüleraustausch, grins, weil ich ein paar Sprachen sprach und gut mit Computern konnte. Nun hatte ich nach einem Jahr genug vom Programmieren und wollte mir das Land ansehen.

Es hatte eine Weile gedauert, bis ich einen Urlaub genehmigt bekommen hatte und von meinem lieben Nachbarn Billy den VW-Bus ausleihen durfte. Dann fuhr ich und fuhr ich und fuhr … Mitten in der Nacht kam ich hier an.

Nun stand ich am Rande eines riesigen, dunklen Waldes, wusch mich gemütlich. Machte mir und Blacky Frühstück. Ich wollte mich gerade zum Frühstück hinsetzen, als plötzlich ein lautes Wimmern und Winseln ertönte. Blacky reagierte blitzschnell und war auch schon im Wald verschwunden. Ich hinterher! Beim Laufen konnte ich gerade noch einen dicken Ast aufheben und mitnehmen.

Die Schatten zwischen den Bäumen wurden dichter, das Licht blasser. Dann hielt Blacky abrupt an, die Ohren gespitzt, die Muskeln wie Draht. Noch bevor ich sah, was los war, knurrte er und stürzte sich auf einen großen, zerlumpten Mann, der ein kleines Hundebaby grausam quälte. Das kleine Fellbündel war vollkommen blutüberströmt und versuchte, kriechend zu entkommen.

Ohne nachzudenken, erhob ich den Ast mit beiden Händen und donnerte ihn dem Mann auf den Kopf. Ich ließ ihn fallen, schnappte mir das Hundebaby, rief Blacky komm!, und wir rannten wie die Irren zurück zu dem Bus.

Ich legte das Hundebaby auf den hinteren Sitz, schmiss alles in den Bus. Oberflächlich untersuchte ich das Baby, schnappte mir meinen Rucksack, und legte in Windeseile steriles Verbandsmaterial auf. Meine Finger flogen. Bald war das Hundebaby mit einem dicken Verbandmaterialmantel umhüllt.

In mir breitete sich Panik aus. Etwas stimmte absolut nicht! Gerade wollte ich einsteigen – und erstarrte mitten in der Bewegung.  

Plötzlich sah ich, dass ein riesiger und über 1,90 m großer Mann mit vor der Brust verschränkten Armen neben mir am Bus lehnte und mich durchdringend ansah. Ich erstarrte und Angst durchfuhr mich. Blitzschnell flogen meine Augen über ihn. Er trug normale, moderne Jeans. Aber etwas an ihm, die Stiefel vielleicht, erinnerten an einen Reiter, der im Sattel geboren war. Ich sah zu ihm auf. Meine Gedanken rasten und gleichzeitig war ich wie erstarrt!

Dann fiel mir auf, wie seltsam Blacky sich benahm. Er winselte und lag in unterwürfiger Haltung auf dem Bauch. Ich lachte auf und sagte: „Was bist du denn für ein Beschützer?!“ Ich sah wieder den Mann an, der sich runterbeugte, Blacky hinter dem Ohr kraulte und beiläufig sagte: „Steh auf und geh in den Bus.“ Was Blacky unverzüglich tat, indem er auf den Rücksitz hinter dem Fahrersitz sprang.

„Nun zu dir. Du hast meinen Welpen gerettet. Ich stehe in deiner Schuld! Aber was hast du dir dabei gedacht, hier zu campen?! Das ist …“

Ich unterbrach ihn atemlos: „Oh, ist das Privatbesitz? Das tut mir leid!“

Für einen Moment sah ich etwas wie Belustigung in seinen grauen Augen auftauchen, die plötzlich golden schimmerten. „Wie dem auch sei, wir müssen hier weg, kleine Menschin!“

Er stieß sich vom Bus ab und kam auf mich zu. Eigentlich hätte ich Angst haben müssen. Aber seltsamerweise hatte ich keine. Immer noch stand ich wie erstarrt da. Ich war vollkommen verwirrt. Die Emotionen kochten in mir.

Er streckte plötzlich die Hand aus, nahm eine meiner widerspenstigen goldenen Haarsträhnen und strich sie mir sanft hinter das Ohr. Mich überkam ein seltsames Gefühl. Etwas Sanftes, ein Geruch nach Wald, Bäumen, Kiefernnadeln, vollkommener Freiheit und Geborgenheit stieg von ihm auf. Plötzlich fuhr etwas durch mich hindurch. Wie Strom, nur weicher, wärmer. Er zuckte zurück, als hätte er es auch gespürt. Dann, fast gegen seinen Willen, hörte ich diese tiefe Stimme zwischen uns, die nur ein Wort sagte: „Mein … mein …“ Überrascht, nein fassungslos starrte er mich an und ich starrte zurück. Denn sein Mund hatte sich nicht bewegt.

Plötzlich ein Heulen in einiger Entfernung. „Wir müssen los! Lass mich fahren, ich kenne mich hier aus!“ Er wuchtete sich hinter das Steuerrad. Ich sprang auf den hinteren Sitz, auf dem das Hundebaby lag, und legte es auf meinen Schoß. Rasch warf ich mir den Rucksack über die Schulter und schob die Tür zu. Bevor ich mich festhalten konnte, fuhr er so schnell über den unebenen Waldweg, dass ich mit der Stirn auf die Lehne des vorderen Sitzes knallte. Aua! Das tat weh! Wird wohl ’ne Beule, dachte ich flüchtig.

Ich hätte Angst haben müssen. Mit einem völlig Fremden durch einen fremden Wald zu donnern, aber ich fühlte mich vollkommen beschützt. Ich hatte nur Angst um das Hundebaby!

Der Bus sprang über Wurzeln, flog durch Schlaglöcher, ächzte wie ein Tier. Ich klammerte mich an den Sitz, hielt das Hundebaby fest. Draußen rauschte der Wald vorbei wie eine einzige grüne Wand.

Plötzlich sah er mich an. „Kannst du reiten?“

Ich sagte: “Nicht in dieser Inkarnation. Aber in einer anderen war ich nahe Stuttgart Pferdeknecht beim Herzog gewesen.“

Er lachte trocken. „Du hast Humor. Ich hoffe, das hilft uns hier irgendwie weiter.“

Wir donnerten lebensgefährlich und laut weiter. Währenddessen versuchte ich das kleine Wesen, das immer noch leise wimmerte, zu schützen. Der Bus schleuderte gefährlich durch tiefe Furchen, flog oft durch die Luft und drohte umzustürzen. Seltsamerweise gelang es dem Mann immer wieder im letzten Moment, den Bus wieder auf Kurs zu bringen.

Ich schrie: “ Wir müssen anhalten, das Hundebaby untersuchen! Es hat zu viel Blut verloren.“

„Das geht nicht!“, knurrte der Fahrer. „Sie sind uns zu dicht auf den Fersen.“ Er biss die Zähne zusammen und sein Kiefer verkrampfte sich noch mehr.

Ich hielt dieses kleine, so hilflose Wesen im Arm und alles in mir zog sich zusammen. Das durfte nicht sein! Hatte ich es gerettet, um jetzt in meinen Armen zu verbluten?! Nein! Ich kreischte voller Angst, doch seltsamerweise flüsterte ich nur. In Gedanken legte ich all meine Angst und den Frust hinein.

Der Mann zuckte zusammen und drehte sich mit weit aufgerissenen Augen nach mir um. Ich war verwirrt. Er starrte mich an. Dann hatte ich seine Stimme in meinem Kopf: Wenn ich jetzt rufe, springt ihr aus dem Bus!

Er lenkte direkt auf eine Schlucht zu, dann schrie er: „Springt!“

Ich riss die Tür auf und Blacky und ich und das Hundebaby in meinem Arm sprangen. Der VW-Bus donnerte den Berg hinunter und es gab einen hässlichen, donnernden Aufschlag im Tal.

Es war seltsam, unwirklich. Wir glitten sanft durch die Luft und setzten sanft wieder auf, wie wenn alles unter Wasser wäre. Aber wir waren soweit in Ordnung. Der Fremde hielt sich überall an der Stelle des Absprungs auf und ich fragte: „Was machst du da?“

„Ich verwische unsere Spuren.“ 

Er drängte uns immer weiter zurück und wir standen plötzlich in einer Höhle. Er verschloss den Eingang: „Hier sind wir vorerst sicher. Versuch zu schlafen. Ich halte Wacht.“

Ich wollte etwas fragen – wer er war, was da draußen lauerte – aber die Müdigkeit zog mich tiefer. Ich schlief tatsächlich mit dem Hundebaby im Arm ein. Neben mir spürte ich Blackys beruhigende Gegenwart. Und langsam verklang auch das feine Atmen des Hundebabys.

Fortsetzung folgt auf Teil 2

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