Der Tanz mit dem Wind

Tanz des Windes

Lia und die kleine Feder

Heute ist der Wind anders.

Lia spürt es, als sie die kleine Brücke über den Fluss überquert. Normalerweise streicht er sanft über ihre Wangen, kitzelt sie spielerisch an der Nase. Doch heute wirbelt er um sie herum, zieht an ihrem Hut, drückt gegen ihre Beine.

„Was willst du mir sagen?“, flüstert Lia in den Wind.

Der Wind antwortet nicht mit Worten, sondern mit einem Lied – ein leises Raunen, das sich durch die Baumwipfel schlängelt, über das Wasser tanzt und in ihr Herz dringt.

Lia atmet tief ein. Ihr Bauch fühlt sich komisch an, so als müsste sie etwas tun, aber sie weiß nicht was.

Da flattert eine Feder direkt vor ihr auf dem Weg. Sie ist schneeweiß und schwebt hin und her, ohne Richtung, ohne Ziel. Lia greift danach, doch im letzten Moment trägt der Wind sie weiter.

„Bleib doch stehen!“, ruft sie.

Aber die Feder tanzt weiter – erst nach rechts, dann nach links, dann einen kleinen Bogen.

Lia runzelt die Stirn. Sie wollte eigentlich geradewegs zum großen Baum am Waldrand, wo sie jeden Nachmittag sitzt und Geschichten erfindet. Aber irgendetwas in ihr sagt, dass sie der Feder folgen soll.

„Na gut“, murmelt sie und setzt einen Fuß vor den anderen.

Der Wind kichert – oder ist es nur das Rauschen der Blätter?

Die Feder führt sie auf einen anderen Weg, den sie sonst nie geht. Die Äste über ihr wiegen sich, der Wind pfeift durch die Zweige. Einmal stolpert Lia fast über eine Wurzel, doch sie fängt sich.

„Ich kann das“, flüstert sie sich selbst zu.

Plötzlich bleibt die Feder über einer Lichtung stehen und segelt langsam zu Boden. Lia hebt den Blick. Vor ihr erstreckt sich eine wunderschöne Wiese mit unzähligen kleinen Blumen, die im Wind tanzen.

Lia staunt. Sie war noch nie hier. Warum ist sie nie diesen Weg gegangen?

Der Wind flüstert wieder, sanft und leise.

Manchmal, wenn man sich traut, von seinem gewohnten Weg abzuweichen, entdeckt man etwas Wundervolles.

Lia lächelt. Der Wind hat sie gelehrt, sich treiben zu lassen, ohne Angst.

Morgen, beschließt sie, wird sie wiederkommen. Und vielleicht – nur vielleicht – wird der Wind ihr ein neues Lied singen.

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