Kobold 1 013

Ein zauberhafter Schelm

„Weihnachten …“, sagte Achim Berger leise, während er das hektische Treiben in den Straßen und Geschäften beobachtete. Er hatte die Hände in den Jackentaschen vergraben und stapfte durch den Schnee. Wie so oft lenkte er seine Schritte hin zu dem kleinen Park in der Nähe seiner Arbeitsstätte und wunderte sich nicht, zu dieser Jahreszeit der einzige Besucher dort zu sein.

Kobold 1 013

Die Bäume waren schwer von Schnee, trugen jedoch mit Stolz ihre Last. Dazwischen trotzten auf wuchtigen Sockeln dicknasige Gnome, bauchige Wichtel und schlanke Elfen Witterungen aller Art. Manche zeigten Schrammen der Gegenwart, die rauher mit ihnen umsprang als die Vergangenheit. Die Figuren waren aus Stein gehauen, die Gesichter von einer meisterlichen Hand bearbeitet, die Leben in sie gezaubert hatte. Jene Figur, die Achim Berger am besten gefiel, stellte einen Kobold mit spitzen Ohren unter dem widerspenstigen Haar dar, dessen gewitzter Gesichtsausdruck den seiner stummen Gefährten bei weitem übertraf.

Achim Berger blieb vor dem Zwerg stehen, musterte ihn fasziniert und nickte ihm schließlich wie einem Verbündeten zu. „Du bist ein kluger Bursche. Nach deinem Gesichtsausdruck zu schließen wahrscheinlich ein Schelm. Wenn Du ein Mensch wärest, wärest vielleicht sogar ein Kumpel von mir und würdest Du mir einen Rat geben können. Also hin und wieder mal, wenn ich gerade nicht mehr weiter weiß. Und im Moment weiß ich nicht, wie ich es schaffe, nicht mehr nur für meinen Beruf zu leben!“

Berger dachte daran, wie er als Bub Lebensträume gehabt hatte und noch als junger Mann entschlossen gewesen war, einiges von dem, was ihm besonders am Herzen gelegen hatte, zu verwirklichen. Doch damals schon hatte sich seine ganze Energie auf die Bewältigung des Alltags konzentriert, und er hatte weder Zeit noch Kraft gefunden, seine Träume zu verwirklichen. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er den täglichen Anforderungen damals wie heute einfach mehr Raum gegeben als jenem, was ihn alleine bei der Vorstellung, es zu tun, begeistert hatte. Es sich selbst einzugestehen, machte ihn zwar nicht mutlos, frustrierte ihn jedoch.

Das steinerne Gesicht des Kobolds blieb stumm, doch Wind kam in Bergers Rücken auf und wehte ihm Schnee in den Nacken. Berger schlug den Jackenkragen hoch. Es wurde ohnehin Zeit, dass er sich auf den Weg machte. Der Alltag holte ihn wieder ein.                        

Lange Stunden später im Krankenhaus, in dem er als Pfleger arbeitete, lehnte er erschöpft das Gesicht gegen die kalte Fensterscheibe und schloß die Augen. Bald hatte er frei – Weihnachten stand vor der Tür. Bei den vielen Überstunden, die er im letzten halben Jahr geleistet hatte, würde er Heiligabend selbst und die Weihnachtsfeiertage freibekommen und sich erholen können. Manche seiner Patienten allerdings, denen er neben einer sorgsamen Pflege durch ein Lächeln oder ein gutes Wort eine Freude bereitet hatte, würden die letzten Tage im alten Jahr im Krankenhaus verbringen müssen.

Achim Berger verließ das Zimmer und kam zum wiederholten Mal an dem Mann vorbei, der seit mehr als zwei Stunden geduldig auf der Bank im Krankenhausflur saß und in einem Buch las.

„Sie sind immer noch nicht dran?“, wollte Berger in ehrlicher Empathie wissen.

Der Mann hob den Kopf. „Ich sowieso nicht, aber ein guter Freund von mir. Aber er schläft noch.“ Der Mann nickte leise lächelnd und zog sich wie zu einem Gruß die Mütze herunter. Widerspenstiges blondes Haar sprang hervor. In den auffallend grünen Augen funkelte beinahe Übermut. „Ja ja … ist ein guter Freund von mir, besucht mich immer. Jetzt gehts ihm gerade nicht so gut und ich schaue mal bei ihm vorbei.“

„Er ist hoffentlich nicht ernsthaft krank?“, fragte Achim Berger. Er ließ den Blick nicht von dem Mann, der ihm bekannt vorkam, die Gesichtszüge, das verschmitzte Lächeln.

„Ernsthaft?“ Der Mann schüttelte entschlossen den Kopf. „Nein, ist er nicht. Aber ein wenig erschöpft. Und mutlos. Und im großen Zweifel, was er fortan tun soll. Na ja, wenn er aufwacht, wird es ihm gleich besser gehen. Bedeutend besser!“

„Das hoffe ich doch für ihren Freund“, meinte Achim Berger und nickte dem Fremden ermunternd zu. „Ihnen und Ihrem Freund eine schöne Weihnachtszeit“, sagte er und ging weiter.

Nach einigen dringenden Arbeiten im Labor, die er noch vor Urlaubsantritt erledigen musste, war es ihm, als hätte er eine Stimme gehört. Unwillkürlich drehte sich Achim Berger um, doch außer ihm war niemand im Raum. Wird wirklich Zeit für ein paar freie Tage!, dachte Berger und strich sich über die Stirn.

Du solltest deinen Dienst für heute beenden, Freund. Es wird Zeit! Es könnte Eis auf den Straßen geben!

Da war sie wieder, die Stimme, die ihn zuvor bereits aus seiner Konzentration gerissen hatte! Berger drehte sich rasch um, doch wieder konnte er niemanden entdecken, und im Labor gab es keine Versteckmöglichkeit. Eiliger als sonst stellte er die letzten Fläschchen in den Medikamentenschrank, verschloss ihn sorgsam, und ging in den Raum der Krankenpfleger, um die Kleidung zu wechseln. Kurz darauf startete er auf dem Bedienstetenparkplatz sein Auto und steuerte es auf die Straße. Wieder überlegte er, ob er im Labor geträumt hatte oder die Stimme Wirklichkeit gewesen war. War er nach zehn Stunden Dienst ohne nennenswerte Pausen einfach zu erschöpft, um noch klar denken zu können? Jedenfalls musste er dringend eine Auszeit nehmen, wenn er begann, Stimmen zu hören!

Vorsichtig lenkte Berger den Wagen. Vielleicht gab es ja wirklich Glätte in dieser Nacht! Immerhin war sie schneidend kalt, und die Sterne standen klar wie selten am Himmel. Als er um die nächste Ecke bog, sah er plötzlich eine Frau, die auf die Straße treten wollte. Sie achtete nicht auf den Verkehr, reagierte erst im letzten Moment, als er seinen Wagen voll abbremste und vor ihr zum Stillstand brachte. Die Frau blieb wie angewurzelt stehen. Berger sprang aus dem Auto. „Geht es Ihnen gut?“

Die Frau schien nach innen zu lauschen, schüttelte wie betäubt den Kopf. „Ich glaube schon. Das Auto hat mich ja nicht berührt.“ Sie atmete hörbar, ließ es geschehen, dass er sie vorsorglich am Arm hielt.

„Wir hatten beide Glück“, sagte Berger erleichtert.

Kerstin Heilmann sah ihn nachdenklich an. „Sie haben recht, aber es war meine Schuld, dass Sie eine Vollbremsung machen mussten. Bitte entschuldigen Sie, ich habe überhaupt nicht aufgepasst!“

Berger erkannte, dass die junge Frau durcheinander war. Ihr Gesicht war entsetzlich blass, und daran war nicht nur das matte Licht der Straßenlaterne schuld. Er spürte, dass sie zitterte, verstärkte seinen Griff um ihren Arm. „Geht es Ihnen wirklich gut?“

Die Frau brachte sogar ein kurzes Lächeln zustande. „Sie haben mich nicht verletzt, keine Sorge. Ich bin nur völlig geschafft, weil ich bis jetzt gearbeitet habe.“

„Liebe Güte, es ist kurz vor 21.00 Uhr. Was sind denn das für Arbeitszeiten?!“, entfuhr es Berger. Seine Missbilligung galt nicht der jungen Frau, die offenbar froh darüber war, dass er immer noch ihren Arm stützte.

„Mein Chef weiß, dass ich alleinstehend bin und nicht Nein sagen kann. Also bin ich es immer, die Überstunden macht, wenn noch eilige Arbeit anfällt. Und eigentlich fällt immer eilige Arbeit an“, stieß sie bitter aus.

„Dann sollten Sie ihm klar machen, dass er auf Dauer so nicht mit Ihnen umspringen kann. Wenn Sie keine Zeit mehr haben, um sich zu erholen, werden Sie krank werden. Ich weiß, wovon ich rede!“

Das Lächeln der jungen Frau wirkte auf Berger gequält. „Können auch Sie nicht Nein sagen?“

„Na ja … kann ich schon, aber …“, er stockte, verkniff es sich, der Frau zu sagen, dass ihm anderes auf der Seele lastete.

„Entschuldigen Sie, Sie müssen mir nichts sagen. Es geht mich ja auch nichts an“, sagte Kerstin Heilmann. Langsam fror es sie und sie hüllte sich fester in ihren Mantel. „Ich denke, ich werde mich jetzt auf den Weg machen, bevor es noch zu schneien anfängt.“

„Dazu ist es zu kalt“, meinte Berger abgeklärt. „Äh … kann ich Sie heimfahren?“, fragte er spontan. Etwas in ihm drängte ihn, die Frau nicht alleine in die einsame Nacht gehen zu lassen.

„Offen gesagt ja, ich bin zum Umfallen müde!“ Unter anderen Umständen wäre es Kerstin Heilmann niemals eingefallen, einen Fremden um Fahrdienste zu bitten, schon gar nicht mitten in der Nacht, aber der Mann sah freundlich aus, und die Besorgnis in seinen dunklen Augen schien ehrlich zu sein. Sie war derart fertig, dass sie glaubte, keinen Schritt mehr machen zu können.

Während der Fahrt sprachen Achim Berger und Kerstin Heilmann wenig miteinander, hingen ihren Gedanken nach. Als Berger seinen Wagen vor der Adresse, die ihm die Frau genannt hatte, anhielt, war sie in der Wärme des Wageninnerns kurz eingenickt. Er berührte sie sanft an der Schulter, worauf sie erschrocken die Augen aufriss. „Oh je, bin ich eingeschlafen?“

„Ja“, meinte Berger sanft, „was dafür spricht, dass Sie dringend Ruhe brauchen!“ Er stieg aus dem Auto und begleitete die Frau bis zur Eingangstür des Mietshauses.

„Vielen Dank für Ihr Verständnis und Ihre Hilfsbereitschaft! Kommen Sie gut nach Hause!“, sagte Kerstin Heilmann und gab ihm die Hand.

Achim Berger wollte sie nicht wieder freigeben, doch die junge Frau entzog sie ihm.

Lass Dir was einfallen!, sagte ihm plötzlich dieselbe Stimme, die er bereits im Labor vernommen hatte. Lass Sie nicht so gehen! Beinahe wäre Achim Berger erschrocken herumgefahren, doch dann tat er die Stimme als überspannten Gedanken ab. Und als einen Beweis dafür, dass er urlaubsreif war.

„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte er unvermittelt und hielt rasch die Tür fest, die hinter der Frau zufallen wollte.

„Kerstin Heilmann. Und Sie?“

„Achim Berger. Ach ja … ich bin Krankenpfleger im Stadtkrankenhaus, stehe kurz davor, 30 Jahre alt zu werden, lese gerne, besuche gerne Museen, und sitze in der warmen Jahreszeit hin und wieder in nicht überfüllten Biergärten, was selten der Fall ist, und genieße die Sommernächte.“ Hatte er das eben alles gesagt? Achim Berger war verblüfft, wie offen er sein konnte. Ein wenig war ihm seine Direktheit unangenehm.

Kerstin Heilmann lachte auf. Ihre gut gefüllte Handtasche hing wie Ballast an ihr, ihr Kopf schwirrte vor Erschöpfung, aber dieser offenbar einsame Mann, der mit seinem Auto aus der Nacht vor ihr aufgetaucht war, schaffte es, sie zum Lachen zu bringen! Es tat gut, so unendlich gut! Wieder lachte sie, fühlte sich entspannt, sah ihr Gegenüber mit zum Leben erweckten Augen an. „Und alleinstehend sind Sie wohl auch?“

Achim schluckte. Anpreisen hatte er sich nicht wollen! „Ja … nein … ich meine … ach, vergessen Sie, was ich gesagt habe! Sie brauchen Ihren Schlaf, und ich auch.“ Ungewollt war sein Tonfall schroff gewesen. Er erkannte es im Gesicht der jungen Frau, das mit einem Schlag wieder ernst geworden war.

„Natürlich, nochmals vielen Dank fürs Heimbringen, Herr Berger. Gute Nacht!“ Kerstin Heilmann drehte sich um. Als die Haustür hinter ihr ins Schloss fiel, blieb Achim Berger für Augenblicke wie verdattert davor. Ich bin doch ein Idiot!, schalt er sich.

Ja, bist Du!, pflichtete ihm die Stimme in seinem Kopf bei.

Achim Berger versuchte, die Stimme zu überhören, und fuhr los.

Am nächsten Vormittag – es war Heiligabend – fand er im Fußraum seines Wagens einen Damengeldbeutel, der nur Kerstin Heilmann gehören konnte. Er malte sich aus, wie sie ihn bereits aufgeregt suchte. Berger zögerte nicht, fuhr zu Kerstin Heilmanns Wohnung, traf sie aber nicht an. Schließlich kam er auf die Idee, in ihrem Geldbeutel nach einem Hinweis auf ihre Arbeitsstelle zu suchen, und hatte Glück! Er fand den Kantinenausweis einer Firma, die ihm namentlich bekannt war, und der auf Kerstin Heilmann ausgestellt war.

Zwei Kilometer entfernt in einer Firma für Büromittelbedarf …

Kerstin Heilmann fuhr den Computer herunter. Gleich hatte sie Arbeitsschluss. Auch an den beiden Weihnachtsfeiertagen würde sie frei haben. In Vorfreude atmete sie auf. Sie ordnete noch ein paar Kleinigkeiten auf ihrem Schreibtisch, gab ihren Pflanzen Wasser für die anstehenden freien Tage, und langte im Schrank nach ihrem Mantel. Sie war bereits in einen Ärmel geschlüpft, als es an der Bürotür klopfte.

Mit einem schmerzhaften Lächeln, das seine Augen nicht erreichte, trat ihr Chef ein.

Unweigerlich fuhr es Kerstin in die Magengrube. Sie kannte diese Mimik und das, was jetzt kommen würde, und begehrte innerlich dagegen auf.

„Frau Heilmann, es ist mir wirklich unangenehm …“ Hilmar Schubert wand sich, ein Mann von 1.90 Metern, breitem Brustkorb und Beinen, die wie Rammen auf der Erde standen. „Wir haben noch einen Auftrag hereinbekommen. Einen ziemlich wichtigen.“ Schubert kam näher. In seinen Augen funkelte Entschlossenheit, während seine Lippen versuchten, gewinnend zu lächeln. „Sie könnten die Überstunden, die Sie heute noch machen, ja an Ihren Kurzurlaub anhängen.“

Kerstin Heilmann kam sich überrumpelt vor. Im ersten Augenblick konnte sie überhaupt nichts sagen. Sie hatte sich so sehr auf den ersten freien Nachmittag, überhaupt die ersten freien Tage seit langem, gefreut. Wie sie die Aufträge kannte, die Schubert als „wichtig“ deklarierte, erforderten diese üblicherweise einen Arbeitsaufwand von mehreren Stunden. Wahrscheinlich würde sie nicht einmal bis zum späten Nachmittag fertig sein, also sich im Anschluss hetzen müssen, um noch ein paar Besorgungen für sich machen zu können. Ihr war zum Weinen zumute.

„Das wäre sehr wichtig für die Firma, Frau Heilmann. Ein lukrativer Auftrag, dem sich unter Umständen weitere Aufträge anschließen könnten.“ Schubert wirkte begeistert, gestikulierte unterstreichend.

„Aber Herr Schubert, wir haben doch Weihnachten! Ich habe mir den heutigen Nachmittag freigenommen und diesen auch längst genehmigt bekommen.“ Die Enttäuschung in Kerstin Heilmanns Stimme war kaum zu überhören.

Schubert wirkte immer noch jovial, doch seine Stimmlage wurde tiefer. „Liebe Frau Heilmann, Sie sind unsere beste Kraft! Wenn jemand diesen Auftrag perfekt abwickeln kann, dann sind Sie das! Also … bleiben Sie?“

Kerstin fühlte sich derart matt, dass ihr beinahe schlecht wurde. Warum konnte sie Hilmar Schubert denn nicht einfach selbstbewusst ansehen und NEIN sagen? Die Bereitwilligkeit lag ihr auf den Lippen, die Entscheidung traf allerdings ein anderer für sie.

„Wird sie nicht, denn sie hat eine Verabredung. Und zwar mit mir! Und einer ihrer Vorzüge ist Pünktlichkeit.“

Hilmar Schubert fuhr überrascht herum. Im Türrahmen sah er einen Mann stehen, gut 20 Jahre jünger als er, hochgewachsen, geschmackvoll gekleidet unter einer modischen Winterjacke, die vorne offen stand.

„Wer sind denn Sie?“, schoss es Schubert misslaunig über die Lippen.

„Frau Heilmanns Verabredung“, antwortete Achim Berger ruhig, ging entschlossen auf die verdutzte Kerstin zu, der er vollends in den Mantel half, und griff nach ihrer Handtasche, um sie ihr in die Hand zu drücken. „Können wir? Ich habe den Tisch im Restaurant für in einer Viertelstunde bestellt.“

Kerstin Heilmann war mindestens so perplex wie ihr Chef, reagierte aber rascher. „Dann sollten wir wirklich aufbrechen!“ Sie wandte sich an ihren Chef. „Herr Schubert, ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie schöne Weihnachten. Auf Wiedersehen!“

An der Seite von Achim Berger verließ sie das Büro und ging neben ihm den Flur entlang, bis beide im Freien in der Kälte standen. Erst da drehte sich Kerstin Heilmann zu Achim Berger und funkelte ihn zwischen anhaltendem Erstaunen und Belustigung an. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll …“

„Das ändert sich sicher, wenn wir nachher im Warmen sitzen und ein gutes Essen vor uns haben.“ Achim Berger grinste. „Ach ja, deswegen bin ich eigentlich gekommen.“ Er griff in die Jackentasche und zog Kerstin Heilmanns Geldbeutel hervor, den er ihr in die Hand drückte. „Der gehört Ihnen. Er lag im Fußraum meines Autos.“

Sprachlos starrte Kerstin Heilmann auf das Portemonnaie. „Das habe ich noch gar nicht vermisst“, stieß sie verblüfft aus.

„Da sehen Sie mal, wie urlaubsreif Sie sind!“ Ein weiteres Mal ergriff er die Initiative, dirigierte Kerstin Heilmann zu seinem Auto, und hielt ihr die Beifahrertür auf. „Wenn Sie wollen, bringe ich Sie direkt nach Hause. Oder ich fahre Sie dorthin, wo Sie sich in den Weihnachtstrubel stürzen wollen. Sollten Sie allerdings hungrig sein und Interesse an einer aufmunternden Unterhaltung haben, könnten wir meinem Lieblingsitaliener einen Besuch abstatten. Was meinen Sie?“ Wieder grinste er, wirkte dabei wie ein großer Junge. In seinen braunen Augen blitzte es munter auf. Die dunklen Haare wirkten ein wenig wirr, als wären sie in letzter Zeit noch mit keinem Kamm in Berührung gekommen.

„Sind Sie immer so spontan?“, fragte Kerstin Heilmann.

„Nicht die Spur, ich kenne mich selbst nicht mehr“, antwortete Berger ehrlich. Sein breites Lächeln verlor sich etwas, doch dann legte sich ein ermunternder Zug in sein Gesicht. „Wie wärs, wollen Sie jetzt nicht auch ein bißchen spontan sein?“

„Lieblingsitaliener ja, aber danach muss ich unbedingt noch ein paar Besorgungen machen.“

Achim Berger fühlte sich glücklich! Die hübsche junge Frau hatte nicht Nein gesagt, jedenfalls nicht zu ihm. Kurze Zeit später parkte er in einer ruhigen Straße, von der aus es nicht weit zum Restaurant war. „Den Rest des Weges müssen wir zu Fuß gehen“, erklärte er Kerstin Heilmann, als sie ausgestiegen waren.

„Das ist doch schön, die Straße hier ist sehr romantisch.“

Es mochte am leisen Schneefall liegen, der vor Kurzem eingesetzt hatte, dass Kerstin Heilmann so empfand. Große sanfte Flocken begleiteten sie und Achim Berger auf ihrem kurzen Spaziergang durch die bereits golden erleuchtete Straße. Gepflegte Fachwerkhäuser zeigten ihre ästethischen Fassaden, ein schmaler Wasserlauf parallel zum Gehweg ließ seine perlende Melodie hören. Kerstin Heilmann war es, als würde etwas Geheimnisvolles, etwas Wunderbares über der Stadt liegen. Hinter jedem der Fenster, ob von Privathäusern oder Geschäften, leuchtete ein warmes Licht. Die junge Frau atmete unbewusst durch. Bald war Heiligabend!

Kurz darauf, in dem geschmackvoll eingerichteten Restaurant und dessen angenehmer Wärme, war Leben in Kerstin Heilmanns Augen zurückgekehrt und ließ sie wie Saphire strahlen. Entspannt lehnte sie in ihrem Stuhl und genoss die lockere Unterhaltung mit Achim Berger. „Sie haben mich gerettet! Ich fühle mich richtig glücklich, richtig zufrieden. Vor allem mit mir selbst! Wahrscheinlich wird sich in mir etwas verändert haben, wenn ich ins Büro zurückkehre. Vielleicht ja auch bei meinem Chef.“ Sie lächelte, wurde wieder ernst. „Na ja, dass sich mein Chef verändert, kann ich mir nicht vorstellen.“

„Wichtig ist, dass Sie nicht klein beigegeben haben, Frau Heilmann“, meinte Achim Berger.

„Kerstin …“, sagte Kerstin Heilmann, hob ihr Glas und deutete an, mit ihrem Gegenüber anstoßen zu wollen.

„Achim …“, erwiderte Achim Berger, der ihren Blick nicht ausließ.

Sie stießen miteinander an. Die Gläser klirrten leicht. Kerstin lachte leise.

Als sie nach einem hervorragenden Essen ins Zentrum der Stadt fuhren, um sich ins Getümmel in der Fußgängerzone zu stürzen, hängte sich Kerstin bei Achim ein. Während sie ihm unter dem Einfluss des genossenen Rotweins leichthin von sich erzählte, übernahm er es, ihre Besorgungen zu tragen. Es war bereits dunkel, als er sie nach Hause fuhr.

„Was machst Du heute Abend?“, fragte er mutig.

„Ich vermute, dasselbe wie Du …“ Leichte Röte flammte über Kerstins Wangen. „Eine Kleinigkeit essen, es sich auf der Couch bequem machen, und vielleicht zu einem Schnulzenfilm im Fernsehen einen Glühwein genießen.“

„Hört sich ganz nach meiner Planung für den Heiligabend an“, sagte Achim. Er biss sich auf die Lippe, als hätte er zu gerne mehr gesagt.

„Wir könnten doch … ich meine …“, begann Kerstin zu stottern. „Was meinst Du, sollen wir Heiligabend zusammen verbringen?“

Achim wurde es unvermittelt eng im Hals. Er hatte so sehr gehofft, dass sie ihn das fragen würde! Nervös fuhr er sich durchs Haar. „Oh … also … würde Dir das gefallen?“

Kerstin nickte, lächelte. „Ja, würde es. Sogar sehr. Und Dir?“

Achim räusperte sich, sah Kerstin tief in die Augen. „Auch“, antwortete er schlicht, doch sein Herz raste.

Eine verzaubernder Abend begann, und es lag nicht nur daran, dass es der Weihnachtsabend war. Kerstin und Achim verlebten ihn voller Harmonie und Leichtigkeit. Und in Empfindungen zueinander, die sich verstärkten. Es war kurz vor Mitternacht, als Achim nach Hause aufbrechen wollte, doch Kerstin bat ihn, die ganze Nacht zu bleiben. Als die Glocken der Kirchen zu schlagen begannen, stellten sie sich engumschlungen ans Fenster. Es war ein Glockengeläut, wie es in der Vielstimmigkeit nur in dieser besonderen Nacht zu hören war. Immer noch schneite es große federleichte Flocken, die jede Straße, jede Gasse, jeden Winkel in der im goldenen Lichterglanz liegenden Stadt weiß färbten.

Achim beugte sich zu Kerstin, küsste sie zärtlich. Er war glücklich, ja selig. Einer seiner Wünsche, mit einer Frau, die er liebte, sein Leben zu teilen, begann leise Wirklichkeit zu werden.

In einer Ferne, die Menschen nicht messbar erscheint, und doch ganz nah wie ein Windhauch im Nacken, hing eine leise lachende Stimme in der Luft. Von all dem, was sie an Wörtern formte, verstand Achim nur zwei, als säße sein Sprecher direkt hinter seinem Ohr: Na endlich!

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