KI Hund MotorradBeiwagen

Sein letzter Coup

Motorradfahrer in schwarzer Lederjacke und einem schwarzen Sturzhelm auf einem alten Motorrad mit Beiwagen. In dem Beiwagen sitzt ein Hund, der ein rötliches Fell hat und im Nacken einen schmalen weißen Straßen, Es sieht lustig aus. Beide, Herrchen und Hund, fahren gemütlich auf einer Landstraße. Seitlich der Straße stehen Bäume und grüne Sträucher. Es ist Sommer.

Kennengelernt hatten sie sich an einem warmen Sommerabend, der Wohlschläger Kurti und der Zeus. Eigentlich war es schon richtig dunkel gewesen und der Kurti hatte geschwitzt in seinem schwarzen Shirt und den Hosen. Der Zeus hatte weniger geschwitzt, weil er ein helles Fell hatte und die Hitze besser vertrug. Der Wohlschläger war bei seiner Arbeit gewesen, hatte in der Firma die Büros durchsucht und war schließlich in einem der Schränke fündig geworden. Bei seiner Arbeit war ihm wichtig, so wenig wie möglich Schaden zu verursachen. Keine eingeschlagenen Fenster, keine aufgebrochenen Türen. Was sein Bund an Dietrichen nicht schaffte, ließ er unbehelligt. Das war so eine Macke von ihm.

Der Zeus war da gewesen, als er um die Hausecke gebogen war. Gerade auf dem Weg vor ihm, den er, wie alles andere, an einem der vorherigen Tage ausgekundschaftet hatte. Im gedämpften Licht der Taschenlampe war der Hund vollkommen still gestanden, nur die Augen hatten feurig gefunkelt. Verdammter Mist, hatte sich der Kurti gedacht, und dass er jetzt am Arsch wäre, weil der Hund sich auf einmal in Bewegung gesetzt hatte und auf ihn zugekommen war. Kurti jedenfalls war an seinem Platz geblieben und hatte keinen Finger bewegt, als hätte er sich dadurch unsichtbar machen können. Der Hund hatte an ihm zu schnüffeln begonnen, hatte die Gerüche an ihm erkundet und mit Sicherheit die Angst des Menschen aufgenommen, der ihm nicht vertraut war.

Jetzt beißt er zu!, war dem Wohlschläger Kurti durch den Kopf gejagt und er hatte die Augen zusammengepresst. Richtig erschrocken war er gewesen, als ihm der Hund stattdessen die Hand geleckt hatte. Vor unterdrückter Anspannung hatte der Kurti aufgestöhnt. Als der Hund mit dem Schwanz zu wedeln begonnen hatte, war Kurti vor Erleichterung der Schweiß ausgebrochen.

„Bist ein ganz ein Feiner“, hatte Kurti mühsam hervorgepresst und tief Luft geholt. Seine Stimme war ihm fremd vorgekommen; belegt und schmeichelnd. Der Hund hatte ihm erneut die Hand geleckt und ihn zum Zaun begleitet, wohin der Kurti mit anfänglich eingerosteten Schritten gegangen war. Im Licht der Straßenlaterne hatte Kurti deutlicher sehen können. Hatte sehen können, dass der Hund von mittlerer Größe war und ein rötliches Fell mit einer weißen Färbung hatte, die ihm wie ein schmaler Reifen um Brust und Rücken lag. Kurti hatte sich durch das Loch im Zaun geschoben, das er mit dem Seitenschneider geschaffen hatte. Der Hund hatte ihm neugierig dabei zugesehen, jedoch keinen Beller getan. Kurti hatte von der anderen Seite notdürftig das Loch verschlossen, damit der Hund nicht raus konnte. „Als Wachhund hast du ja völlig versagt!“, hatte Kurti erleichtert gesagt, den Rucksack in den Beiwagen seines Motorrads geworfen, und war davongefahren.

Eine Woche später kundschaftete der Kurti ein anderes Firmengelände aus. Mitten am Tag spazierte er an dem Grundstück entlang, als hinter dem Zaun ein Hund mit rötlichem Fell auf ihn zugesprungen kam, der zu bellen begann und mit dem Schwanz wedelte. Kurti Wohlschläger blieb erstaunt stehen. „Ja gibt’s denn das?“, rief er und streckte mutig zwei Finger durch den Zaun, durch den ihn die raue Zunge des Hundes ableckte. „Bist ein ganz ein Feiner, hab ich doch gesagt!“, lobte Kurti, der sich durch die Wiedersehensfreude des Hundes seltsam berührt fühlte. Tiere mochte er. Auf dem kleinen Hof, auf dem er lebte, gab es einige Hühner, Ziegen und Schafe. Und zehn Katzen, die sein Dasein als Einsiedler teilten.

Als aus einer der Hallen ein Mann kam und den Wohlschläger Kurti hinterm Zaun entdeckte und den Hund, der bei ihm stand, brüllte er herüber: „Du Sauhund sollst bellen und nicht mit dem Schwanz wedeln!“

Der Kurti kniff die Augen zusammen. Wenn einer Tiere anbrüllte, das mochte er nicht. Der Brüller kam unter entschlossenen Schritten auf ihn zu. Leise, ganz leise nur, begann das Tier zu knurren.

„Hallo“, sagte Wohlschläger und zeigte ein freundliches Lächeln, als hätte er die groben Worte des Anzugträgers nicht gehört. „Da haben Sie ja einen schönen Hund. Wie heißt er denn?“

Der Mann brüllte „hau ab!“ und machte eine herrische Geste, worauf der Hund nach kurzem Zögern mit eingezogener Rute davon lief. „Der Köter hat keinen Namen. Der ist schließlich kein Schoßhund, sondern ein Wachhund!“

„Obwohl er mit dem Schwanz gewedelt hat, hat er mir seine scharfen Zähne gezeigt“, log der Kurti, weil er dem Tier etwas Gutes tun wollte.

„Das sollte er auch, vor allem nachts, wenn einer aufs Gelände will!“, schimpfte der Mann.

„Ich habe ihn noch nie gesehen, obwohl ich öfters hier spazieren gehe“, meinte der Kurti.

Der andere nahm gelangweilt die Brille ab. „Den haben wir erst kurz. Aber wenn er sich genauso nutzlos anstellt wie bei der vorigen Firma, kriegt er den Fangschuss!“

Der Kurti sah den Mann an, als hätte der einen bösen Scherz gemacht, aber der lächelte nicht einmal spöttisch.

Der Wohlschläger lächelte dafür kurz und dachte sich seinen Teil. Und ging.  

Noch in derselben Nacht kam der Kurti wieder. Aus dem Beiwagen holte er den Seitenschneider. Mehr an Werkzeug brauchte er diesmal nicht. Geübt wie immer arbeitete er am Zaun und noch ehe er das Loch auf die richtige Länge gebracht hatte, war der Hund da. Bellend und schwanzwedelnd und dem Kurti die Hand leckend, die er ihm durchstreckte. „Jetzt sei still, sonst erwischen sie uns noch!“, mahnte der Kurti und strich das erste Mal über den Kopf des Tieres, das freudig winselte. Das Fell war weich und warm.

Kurti hielt dem Hund die geschaffene Lücke im Zaun auf und lockte. „Komm, Junge, ich hab‘ einen besseren Platz für dich, da fahren wir jetzt hin.“

Als hätte das Tier verstanden, schob es sich gewandt durch die Lücke und folgte dem Locken des Menschen, der auf den Beiwagen des Motorrads klopfte. „Komm, Zeus, sei ein feiner Junge und spring rein!“ Der Name, der ihm blitzartig in den Sinn gekommen war, gefiel Kurti. Dem Hund schien er auch zu gefallen, denn mit einem Satz war er im Beiwagen und ließ sich auf dem Sitz nieder. Der Kurti lachte leise, lachte zufrieden, dann startete er das Motorrad und fuhr los.

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