Die Kirschbaumgeistin

Die Kirschbaumgeistin
Wer einen Garten sein Eigen nennen darf, darf sich gleichzeitig auch glücklich preisen. Alleine die Vorstellung, durch einen Garten jederzeit mit der Natur verbunden zu sein, mit Tieren, die dort ihren Lebensraum haben, mit den Naturwesen, den Hütern der Pflanzen, und den Elementen, die unter freiem Himmel erlebbar sind, schenkt einem augenblicklich Glück.
Mir geht es jedenfalls so, denn ich verbinde mich auf der Fühlebene mit meinem Wildwuchsgarten und erlebe ihn als einen Hort des Friedens und der Ruhe, der Beschaulichkeit und Harmonie. Er ist ein Refugium des Einklangs mit allem, was darin und darüber ist. Also auch mit dem Himmel darüber und dem Universum, in das wir „Erdlinge“ eingewoben sind.
Heute ist wieder so ein Tag, ein Frühlingstag, an dem ich im Garten bin, auf die schimpfenden Spatzen der Spatzengruppe, die seit vielen Jahren hier lebt, den Gesang der Kohlmeisen und Blaumeisen, dem kunstvollen Trällern des Amselmannes, und dem glasklaren Gesang des Grasmückenmännchens lausche. Alle scheinen sie mit ihren unterschiedlichen Stimmen zu trällern: Der Frühling ist da!
Der Löwenzahn macht ein Drittel des hinteren Gartens aus und ist jetzt in der Blüte ein sonnengelbes Meer, auf das ich begeistert blicke. Es stimmt mich fröhlich und gleichzeitig entspannt. Bienen holen sich dort ihren Nektar und überpudern sich dabei immer mehr mit dem intensiv gelben Blütenstaub.
Neben mir im üppigen Giersch, der das beste Kräutlein für den Säure-Basen-Haushalt im Körper sein soll und hilfreich bei Gicht, sonnen sich auf den Blättern in ihrer Art unterschiedliche Spinnen. Die Kirsch- und Birnbäume blühen und in den schneeweißen, zarten Blüten tanzen Bienen von einer Blüte zur anderen, um sich Nektar zu holen.
Die Luft ist mild und die Temperatur so früh am Tag noch etwas frisch, und es ist eine Wonne, mit seinen Sinnen in diese wunderschöne und überwiegend grüne Welt einzutauchen.
Einige der über die Jahre in den Garten gewehten Sämlinge fanden dort eine Heimat und wachsen nun als herrliche Wildkirschen in die Höhe. Einer der Kirschbäume machte mir letztes Jahr ein zauberhaftes Geschenk – so sehe ich es jedenfalls, denn ich vermeinte, darin das Antlitz des darin wohnenden Baumgeistes wahrzunehmen – eines weiblichen Baumgeistes. Hoch zwischen den grünen Blättern und mir im Profil zugewandt entdeckte ich das ätherische Gesicht eines weiblichen Wesens. Es zeigte sich voller Anmut in den feinen, edlen Zügen und strahlte innere Harmonie aus. Ihre Augen waren geschlossen, ihre schönen Lippen zeigten ein leises Lächeln. Es erschien mir so, vielleicht aber auch malte ich es mir in diesem glücklichen Moment aus.
Jedem Baum wohnt ein Baumgeist inne, der ihn behütet, ihn stärkt, ihm zur eigenen Seele die seine hinzugesellt. Dies geschieht in der gleichen Harmonie, wie unberührte Natur das Seine tut, um in sich im ganz eigenen Rhythmus zu leben.
Wenn Menschen Bäume umarmen, sehnt sich dieser, sehnt sich die Seele, nach der Umarmung der Natur und den Geschöpfen darin. Ein Baum schenkt Frieden und Kraft, schenkt Ruhe, worauf der Mensch zu sich finden kann, sich erdet. In dieser Verbundenheit kann es geschehen, dass er es erspürt, dass er einst in Einheit mit der Natur und all den Wesen darin und freilich den Tieren gelebt hat. In einem Leben lange lange vor diesem Leben.
Der Baum, an den sich der Mensch lehnt oder ihn umarmt, der gesamte Garten, die Feen und Elfen, Kobolde und Geister, all die Tiere, die darin leben, flüstern dem Menschen – einem Sonnenstrahl oder Windhauch gleich – in diesem Moment, dass es wieder so sein wird. Eines Tages in einem anderen Leben.
