Das Schiff von Sam Finch 4x3 1

Don Esteban

Spanischer Edelmann Anfang des 18. Jahrhunderts, schwarzhaarig, gepflegter Oberlippenbart, gutaussehend, in nobler dunkler Gewandung und einem weißen Rüschenhemd steht auf einer Klippe und blickt aufs Meer. Hinter ihm grast sein Rappe, der einen kostbaren Sattel trägt. Der Himmel über dem Meer ist wolkenverhangen.
Don Esteban

Zweite Erzählung: Don Esteban

Eintrag in das Logbuch der Brigantine „Fiadh“ unter ihrem Kapitän Samuel Finch:

Anno 1719, Freitag, 28. Juli, Position 43° 21′ 50‘‘ N, 8° 22′ 40‘‘ W.

Beim ersten Tageslicht die Küste Galiciens gesichtet. Wind Südwest, mäßig, Wetter heiter. Um die zehnte Stunde La Coruña  erreicht.

Wie vermutet ist kein problemloses Einlaufen in den Hafen möglich, da sich Spanien bereits seit mehreren Monaten im offenen Krieg mit Großbritannien befindet. Der Krieg betrifft weder unsere Absichten noch unser Schiff, allerdings untersteht Irland der britischen Krone. Beamte der Zoll- und Hafenbehörde kommen an Bord und verlangen Einsichtnahme in den Eigentumsnachweis meines Schiffes, die Besatzungsliste und das Ladungsverzeichnis und in weitere Papiere, die ihnen zur Einsicht ausgehändigt werden. Soldaten kommen an Bord, die das Schiff nach verdächtigem Gut und Handelswaren durchsuchen. Ziemlich sicher auch nach Agenten der britischen Krone, die spanische Häfen und die Schiffe darin ausspionieren könnten.

Auf Frage, weshalb ich jetzt zu Zeiten des Krieges zwischen Spanien und der britischen Krone nach A Coruña komme, erkläre ich, dass ich eine wichtige Reparatur am Schiff zu beheben habe, frisches Wasser und frischen Proviant aufnehmen muss.

Auf Hinweis, dass ich als Ire Untertan der britischen Krone bin, erkläre ich, dass ich mein eigener Herr bin und keiner Krone diene, kein Kaperfahrer bin, gegenwärtig auch keinen Handel treibe und auch kein festes Reiseziel habe.

Wie erwartet ernte ich skeptische Blicke, offen auch Misstrauen, doch nach Klärung der Formalitäten wird mir das Ankern auf Reede in der Bucht vor der Pescadería gestattet, wenn auch nur für die Zeit, bis die Reparatur am Schiff abgeschlossen und der nötige Proviant an Bord gebracht sind. Ein Einlaufen in den Hafen wird mir nicht erlaubt. Während der Liegezeit ist es nur meinem stellvertretenden Kapitän und mir selbst gestattet, an Land zu gehen.

Mittlerweile war es Mittag, und endlich konnten sich Jack und ich in der Jolle Richtung Pescadería aufmachen. Die Pescadería war das dicht besiedelte Stadtviertel von La Coruña zwischen der befestigten Oberstadt und dem Wasser, in dem sich ein großer Teil des Hafen- und Handelslebens abspielte. Wir mussten einen Schiffszimmermann auftun und neuen Proviant bei den Händlern in Auftrag geben. Was wir dringend brauchten, waren frisches Wasser, Brot, Fleisch und Fisch, Gemüse, Wein, Brennholz, Tauwerk und andere notwendige Schiffssachen. All dies sollte von der Landungsstelle durch Hafenarbeiter auf Booten zu unserer Brigantine befördert werden.

Was Jack und mich nicht wunderte, war, dass in der Bucht neben zahlreichen Schiffen wie Fregatten, Handelsschiffen und kleineren Transportschiffen auch Kriegsschiffe vor Anker lagen, schließlich waren gerade vier Monate vergangen, seit Spanien mit einer Invasionsflotte versucht hatte, nach Schottland zu gelangen, um mit irischen und schottischen Jakobiten gegen die britische Krone zu operieren. Allerdings war diese Flotte Ende März vor Kap Finisterre in einen schweren Sturm geraten, wobei zahlreiche Schiffe gesunken, andere schwer beschädigt worden waren. Einige davon lagen hier vor unseren Augen im Hafen und wurden aufwendigen Reparaturen unterzogen.

Kaum stiegen Jack und ich an der Pescadería aus der Jolle auf befestigtes Ufer, empfingen uns Soldaten mit misstrauischen Blicken. Zweifellos hatten sie den Befehl, unsere Ruderer nicht an Land zu lassen und das Treiben auf der Brigantine zu beobachten.

Jack und ich gingen das Ufer entlang, kamen aber nicht weit … ich kam nicht weit …, denn was ich in der Bucht ankern sah, gerade 100 Meter von uns entfernt, überwältigte mich schier.  „Mo Dhia! Mo long!“ („Mein Gott! Mein Schiff!“), entfuhr es mir begeistert.

Ich stand nur da und starrte und murmelte:  „Mo Dhia… nach bhfaca mé a leithéid riamh…“ („Mein Gott … so etwas habe ich noch nie gesehen …“)

Sam sah zu mir, sah, auf was ich deutete, dann wieder auf das Schiff. Zustimmend nickte er. „Ja, es ist  prachtvoll, aber es ist nur ein Schiff.“

Ich belegte Sam mit einem strafenden Blick. „Sie ist mehr!“, ereiferte ich mich.  „Sie ist … ist …“ Mir fielen nicht die rechten Worte ein, um zu beschreiben, was ich beim Anblick dieses Schiffes empfand.

Es kam so weit, dass sich Sam alleine in unseren Angelegenheiten aufmachte, während ich meine Blicke unablässig über das Schiff wandern ließ, das mir einer Caravela redonda ähnlich schien. Einem Schiff, bei dem sich die Rahsegel bei starkem Wind derart blähten, dass das Schiff ein rundliches Aussehen erhielt, weshalb ihm der Name redonda für rund gegeben worden war. Ich war wie gebannt von der Pracht und Eleganz des Schiffes, die mir wie eine Neuerung der Caravela redonda vorkam. Sie war ohnehin eine nötig gewordene Verbesserung zu den früheren Karavellen.

Während meiner bislang dreizehn Jahre währenden Zeit als Seefahrer hatte ich von so einem Schiff geträumt. Jetzt hatte ich es so nahe vor mir liegen! Ich schaffte es nicht, Jack zu folgen. Meine Gedanken kamen dem Staunen und der Begeisterung nicht hinterher. Noch segelten Caravelas über die Meere, wurden jedoch nur noch als Kriegs- und Transportschiffe eingesetzt, wohingegen Naus, Fregatten, Galeonen und anderen Schiffstypen, die ausschließlich nach dem praktischen Nutzen konstruiert worden waren, um schwere Lasten zu transportieren oder menschliche Fracht wie Soldaten, schlimmer noch: Sklaven, längst die Meere dominierten. Die sich in der Dünung wiegende Caravela war ohne Zweifel der geschmackvollen Feder eines Schiffskonstrukteurs entsprungen, dem die Seefahrt rein um der Seefahrt willen am Herzen gelegen hatte.

Gemächlich ging ich den Uferweg auf und ab und sah mir das Schiff gründlich an. Ich schätzte seine Tragfähigkeit auf leicht 120 bis 130 Tonnen, eher noch mehr. Hinter dem rötlich-braunen Holz lagen unzweifelhaft gewaltige Laderäume für lange Bevorratungen als auch Platz für Kanonen, denn auf der mir zugewandten Seite entdeckte ich acht Geschützpforten. Ich und ging davon aus, dass sie in gleicher Anzahl auch steuerbords vorhanden waren. Auch waren Ruderluken vorhanden, aus denen die langen Riemen glitten, damit das Schiff bei Windstille gerudert werden konnte und nicht stilllag wie ein bäuchlings auf dem Trocken liegender Fisch.

Das Achterdeck erstreckte sich höher als bei meiner Brigantine oder bei anderen Schiffen, aber nicht derart erhöht, um besonders windanfällig zu sein. Darauf zu stehen musste das Gefühl vermitteln, mit der Caravela über das Wasser zu gleiten, ja bei starkem Wind darüber zu jagen. Dort oben musste sich jede Bewegung des Meeres, besonders freilich bei starkem Seegang, über die Planken in den Seemann selbst übertragen und ihn mühelos mit dem Meer, seiner Endlosigkeit, seiner Tiefe, seiner Freiheit und Wildheit und dem weiten Himmel verbinden. Bei dieser Vorstellung erhöhte sich augenblicklich mein Herzschlag!

Die Schnitzereien am Heck waren prachtvoll. Aus der Anzahl der kleinen Fenster schloss ich, dass es dahinter nicht nur eine großzügige, dem Kapitän vorbehaltene Kajüte gab, sondern derer zwei.

Ein weiteres Mal schritt ich am Uferweg auf und ab und bewunderte die Galionsfigur unter dem Bugspriet am äußersten Vorsteven, nämlich ein schwarzes Pferd.

„By Saint Patrick!“,stieß ich wiederholt begeistert aus, „was muss es für ein Hochgenuss sein, dieses Schiff segeln zu können!“

„Das ist es sicherlich, Señor!“

Überrascht riss ich den Kopf zur Seite und entdeckte einen Mann, der, ohne dass ich es bemerkt hatte, bereits so nahe an mich herangetreten war, dass er mir die Hand auf die Schulter hätte legen können. Was er sicherlich nicht vorhatte.

„Ihr begutachtet dieses Schiff nun schon sehr lange, Señor“, erklärte der Fremde.

„Und Ihr beobachtet ganz offenbar mich, Señor!“, entgegnete ich und musterte den Mann, der gut einen halben Kopf größer als ich war und ausgesprochen schlank, welcher Eindruck seiner vollständig schwarzen Kleidung geschuldet sein konnte.

Er trug Wams und Hosen aus einem kostbaren schwarzen Tuch, verziert mit üppigen, goldfarbenen Stickereien, was sich auch auf dem schwarzen, langen Umhang fortsetzte. Ein weißes Rüschenhemd quoll federleicht auf der Brust über das dunkle Wams und aus den Ärmeln. Die Stiefel waren unverkennbar aus bestem Leder und glänzten bei der geringsten Bewegung.

Der Degen, ein Schalenkorbdegen, den der Fremde an der Seite trug, war eine Kostbarkeit für sich: Das Gefäß bestand aus schwerem, vergoldetem Silber. Dessen Schale mit verschlungenem Blattwerk und Ranken war durchbrochen gearbeitet. Der Griff war mit dunkelrotem Leder bezogen und mit feinem Golddraht umsponnen; den Abschluss bildete ein gedrungener, reich gravierter Knauf.

Sein leicht gewelltes, schwarzes Haar fiel dem Spanier, und dass er ein solcher war und dazu noch ein Edelmann, daran zweifelte ich nicht im geringsten, bis zu den Schultern. Der Oberlippen- und Kinnbart in typischer Manier, wie ihn hochstehende Spanier trugen, war penibel gepflegt. So vollkommen anders als mein Bartgeflecht, das ich seit langem zu bändigen hoffte und darin irgendwann aufgegeben hatte. Fortan ließ ich es samt meinem Haar bis zu einer bestimmten Länge ausufern, ehe ich beides wieder scherte.

Stolz war die ganze Erscheinung des Mannes, die aus seiner vornehmen Herkunft herrühren mochte, doch erschien er mir nicht arrogant. Ich war spanischen Edelleuten begegnet, die prahlerisch waren und dabei nichts dargestellt hatten. Dieser Mann war anders. Auf welche Weise anders, konnte ich nicht sagen, ich spürte es einfach.

Er erschien mir nicht viel älter als ich selbst, schätzte ihn auf Mitte der Zwanzig.

„Das Schiff gefällt Euch, Señor?“, fragte er mich in der englischen Sprache, die zwar nicht die Sprache meiner Heimat war, aber die ich selbst dort sprach, wo sie mir von Nutzen war. Und das war an vielen Küsten der Fall, zu denen ich steuern ließ. Überhaupt: Meine Ohren waren gut darin, Sprachen zu erkennen. Auch hatte ich ein gewisses Gefühl für Sprachen und konnte sie mir, jedenfalls Teile davon, rasch aneignen.

„Es kann nur gefallen, Señor, es ist ein prachtvolles Schiff!“, antwortete ich ehrlich und unüberhörbar begeistert.

„Es gibt kein Meer, das es nicht befahren könnte“, erklärte der Mann mit einer klangvollen Stimme, in der allerdings, wenn mich mein Empfinden nicht trog, Schwermut lag.

„So erscheint es mir“, stimmte ich ihm zu. „Wie es gebaut ist, lässt vermuten, dass es eine erstaunliche Neuerung einer Redonda ist. Ist es so?“

„Si, Señor, ein Schiff, das es kein zweites Mal gibt. Es wurde nach den Vorstellungen und Wünschen eines großen Capitán in einer privaten Werft in A Coruña gebaut!“, erklärte der Fremde mit unüberhörbarem Stolz.

„Unmöglich!“, stieß ich ungläubig hervor.

„Nicht unmöglich, Señor. Dieses Schiff ist, wie Ihr zurecht vermutet, eine Weiterentwicklung der Caravela redonda – und darüber hinaus. Es ist so beschaffen, dass eine Weltumsegelung möglich ist, selbst eine Umrundung von Kap Horn, denn es wurde von einem fähigen Mann nach Entwürfen des großen Admirals und Schiffbauingenieurs Antonio de Gaztañeta e Iturribalzaga konstruiert, der bestimmte konstruktive Neuerungen für dieses Schiff übernommen hat!“

Ich war sprachlos! Von dem genialen Gaztañeta e Iturribalzaga hatte ich durchaus gehört und zollte ihm und dem eigentlichen Konstrukteur dieser Caravela meinen höchsten Respekt. Ich konnte mir dabei wenig spanische Edelleute vorstellen, die die Möglichkeit hatten, zu deren Plänen für ein solches Schiff zu gelangen. Und dazu über ein solches Vermögen verfügten, ein derart prachtvolles Schiff, dazu noch in einer eigens dafür errichteten Werft, erbauen lassen zu können. Sicherlich zählte die königliche Familie dazu und deren unmittelbare Verwandte. Und freilich höchst wohlhabende spanische Adelige.

„Dieser Capitán muss immens wohlhabend sein!“, stieß ich immer noch im Unglauben aus.

„Das ist er, Señor.“

Ich musterte den Spanier, genau genommen wohl den Galicier, ein weiteres Mal ungeniert, was ihm gleichgültig zu sein schien. „Seid Ihr dieser Mann?“

„Nein, Señor, es ist mein Bruder.“

„Glückwunsch an Euren Bruder!“, entfuhr es mir mit einer Brise ehrlichen Neids.

Der Mann antwortete nicht, blieb unbewegt in seinem Mienenspiel.

„Wann wird die Caravela auslaufen?“, wollte ich wissen.

„Morgen.“

„Wohin wird sie Kurs nehmen?“

„Auf die offene See hinaus.“

Tja, da bleiben die Möglichkeiten offen, dachte ich spöttisch.

Der Fremde schien für einen Moment zu überlegen. „Wenn die Frage gestattet ist, Señor, seid Ihr der Capitán der Brigantine, die unter einer grünen Flagge auf Reede liegt?“

„Si, Señor“, antwortete ich.

„Ist es Euer eigenes Schiff, Capitán?“

„Si.“

„Nach Worten, die ich von Euch vernahm, stammt Ihr aus Irland, Capitán?“

„Si.“

Der Galicier nickte anerkennend. „Die Iren sind glänzende Seefahrer! Einige der verwegensten Piraten zählten zu Euren Landsleuten.“

Der Fremde hatte recht, und ein wenig war ich auch stolz auf diese Tatsache, wenn ich für Piraten auch nichts übrig hatte. Na ja, ein oder zwei gab es durchaus, denen ich ein anderes Ende, als sie es erleben mussten, gewünscht hätte. „Ja, durchaus“, entgegnete ich.

„Warum kommt Ihr nach A Coruña, Capitán?“

Überrascht über den plötzlichen Themenwechsel fasste ich den Mann in einen misstrauischen Blick. „Sagt frei heraus, Señor, was Euch offenbar Kopfschmerzen bereitet: Spanien und Großbritannien befinden sich im Krieg und Irland untersteht der britischen Krone, was die Sache für einen irischen Kapitän nicht ganz einfach macht. Was also könnte einen Iren dazu verleiten, in den Hafen einer spanischen Stadt segeln zu wollen? Denkt Ihr, ich will spionieren?!“ Ich funkelte den Mann gereizt an.

„Nun, ich denke, Ihr wollt frischen Proviant aufnehmen, Capitán. Wahrscheinlich ist es unabdingbar, sonst hättet Ihr einen neutralen Hafen gewählt.“

„So ist es, Señor, dazu hat mein Schiff einen Schaden erlitten, der repariert werden muss!“, stieß ich immer noch gereizt aus. „Was Spanien und Großbritannien miteinander zu schaffen haben, interessiert mich nicht im geringsten! Ich segle mit meiner Mannschaft, die aus freien Männern besteht, aus reinem Vergnügen über die Meere. Wir dienen keiner Krone, segeln auch nicht mit einem Kaperbrief, und sind unser eigener Herr. Alles so, wie ich es bereits heute morgen den Herren der Zoll- und Hafenbehörde ausführlich erklärt habe. Habt noch einen schönen Tag, Señor!“ Abrupt wandte ich mich von dem Mann ab und ging entschlossen den Kai hinab, als ich nach wenigen Schritten einen energischen Ruf hinter mir hörte.

„Capitán!“

Erst nach weiteren Schritten blieb ich stehen und drehte mich eher unwillig um.

Der Galicier kam rasch heran, trug eine betroffene Miene zur Schau. „Verzeiht, Capitán, es lag nicht in meiner Absicht, Euch zu beleidigen. Es sind in der Tat schwierige Zeiten, doch nichts liegt mir ferner, als an Euren Worten zu zweifeln!“

Ich brummte Unverständliches vor mich hin.

„Wollt Ihr die Unterhaltung mit mir fortsetzen, Capitán?“

Eigentlich sollte ich längst Jack hinterher, dem ich aufgehalst hatte, einen Schiffszimmermann aufzutreiben und gleich noch sämtlichen Proviant zu besorgen, doch irgend etwas war an diesem spanischen Kerl, das mich innehalten ließ. „Vertreibe ich Euch dadurch die Langeweile?“, fragte ich schroff und freute mich insgeheim, dass ihn meine Frage erkennbar getroffen hatte.

Der Galicier ließ sich nicht vertreiben, musterte mich ein weiteres Mal forschend und strich sich schließlich, als wäre er zu einer Entscheidung gekommen, über den gepflegten Bart. „Ihr Iren seid gerade heraus, das ist mir schon zu Ohren gekommen.“

„Sind wir“, knurrte ich. „Und lange um den heißen Brei herumreden tun wir auch nicht. Also, Señor, was wollt Ihr wissen?!“, fragte ich scharf, denn es war deutlich, dass ihn etwas umtrieb.

Erstmalig stahl sich etwas wie ein Feuer in die Augen des Mannes. „Was ist es, weshalb Ihr auf die See hinaus müsst, Capitán?“

Einigermaßen erstaunt über die Frage musste ich kurz selbst darüber nachdenken. „Die Freiheit …“, begann ich, „die Freiheit, die meine Männer und ich auf hoher See finden. Sein eigener Herr zu sein und keinen anderen Herrn über sich zu haben. Sein eigenes Land unter den Füßen zu spüren, und Wind und Wetter auf vollkommen andere Weise zu erleben als auf festem Grund. Auf allen Meeren zu segeln und vor Küsten vor Anker zu gehen, die uns bislang unbekannt waren. Wenn schließlich früh am Morgen … “ Ich stockte, denn ich konnte nicht beschreiben, was ich dabei fühlte, wenn im Nebel eines frühen Morgens Land am Horizont auszumachen war, zu dem wir bislang nicht gesegelt waren. Es war wie ein Locken, dem sich weder ich noch irgendjemand meiner Mannschaft entziehen konnte.

Das Feuer in den Augen des Mannes hatte zugenommen, als würde ihm meine Schilderung Leben einhauchen. „Capitán, Ihr sprecht davon, dass es eine Sehnsucht in einem weckt, die nicht beschreibbar ist. Ist es nicht so?!“

„So und nicht anders!“

„Diese Sehnsucht, man spürt sie hier!“ Der Galicier legte sich eine Hand auf die Brust. „Wie sollte es möglich sein, Worte für ein derart tiefes Gefühl zu finden, für das es nicht nötig ist, dass ein Wort dafür gefunden wird!“

Mit dem nächsten Atemzug verdunkelte sich das Gesicht des Mannes wieder. Es war offensichtlich, dass ihm Schweres auf der Brust lag. Oder auf der Seele. Oder auf beidem. „Dieses Schiff wäre meinem Bruder angemessen gewesen.“

Plötzlich stieß er hörbar den Atem aus. „Mein Bruder Francisco war es, der den Bau der Caravela in Auftrag gegeben hatte. Gemeinsam wollten wir die Meere der Welt und die fernen Küsten erkunden und mit eigenen Augen sehen, wie sie beschaffen sind. Mein Bruder als Capitán, ich el piloto!“ (Navigator)

Es war nicht zu überhören, dass den Bruder des Galiciers ein Unglück getroffen haben musste. Dennoch, das Schiff war fertiggestellt. Und es war vollkommen! „Señor …“, ich deutete mit einer Hand auf die Caravela. „Dieses Schiff ist prachtvoll! Wenn ein Schiff das Herz eines Seemanns anpackt, dann doch dieses! Warum sollte es nicht gesegelt werden?“

„Mein Bruder ist tot. Das Schiff nutzlos geworden!“, kam es kalt.

Das also war die Bedrückung, die dem Mann in seinen Zügen, ja selbst in der Stimme lag: Der Tod des Bruders, dem er offenbar eng verbunden gewesen war! Obwohl ich weder den Fremden, noch weniger seinen toten Bruder kannte, empfand ich Bedauern.

„Wäre es nicht wie ein Vermächtnis Eurerseits gegenüber Eurem Bruder, wenn Ihr …“, begann ich, wurde von dem Mann aber mit harscher Geste unterbrochen, wobei er mich, wie mir jedenfalls schien, von oben herab ansah, was ihm leicht fiel, da er größer als ich war.

„Das Schiff wird morgen auf See hinaus gebracht und in Brand gesetzt“, erklärte der Galicier entschlossen. „Dann findet es dort sein Grab, wo auch mein Bruder sein Grab gefunden hat!“

Dieses prächtige Schiff verbrennen! Ich war entsetzt. Meine Blicke wanderten wieder über die Karavelle, über ihren meisterlich gezimmerten Rumpf, die Schönheit ihrer Takelung. Unvermittelt stieß ich einen schweren Seufzer aus. „Wie oft seid Ihr auf See gewesen, Señor?“, fragte ich so gelassen als möglich.

Der Mann hielt den Blick an mir vorbei gerichtet. „Einige Male. Wir segelten auch zum südlichsten Punkt Südamerikas, wollten es aber nicht riskieren, uns den heftigen Stürmen um Kap Horn auszusetzen. Nicht mit dem Schiff, mit dem wir damals segelten. Auch deshalb wurde die Caravela so konstruiert, wie sie jetzt hier vor uns auf dem Wasser liegt. Sie wird den gefährlichen Winden und Strömungen vor Kap Horn die Stirn bieten können!“ Der Mann hielt inne. „Sie hätte es getan.“ 

Aristokraten am Hafen mit Galeone
Sam und Don Esteban

Der Galicier und ich sahen uns an. Erstmals wirklich traf der Blick seiner beinahe schwarzen Augen den Blick meiner blauen Augen, die sich ineinander fraßen. „Ihr werdet nicht davon lassen können, auf das Meer hinaus zu wollen, Señor, selbst wenn Ihr dieses Schiff hier verbrennen lasst!“, erklärte ich ihm entschlossen, weil ein Seemann einen anderen erkennt, mochte er auch noble Kleidung tragen und wohlfeile Worte verwenden, wie er sie von klein auf durch strenge Erziehung erlernt hatte.

Deutlich erkennbar hob und senkte sich die Brust des Edelmannes unter dem kostbaren Tuch, ehe er den Blick von meinem Seemannsgesicht fortriss und auf die Caravela legte, die das, was sein von ihm zutiefst verehrter Bruder und er selbst als ihr Lebensziel angesehen hatten, in all ihrer Pracht offenbarte. Lange brannten sich seine Augen an dem Schiff fest, ehe er den Kopf zu mir herumriss. „Könnt Ihr schwimmen, Capitán?“

„Ja“, antwortete ich, verblüfft über diese Frage.

„Auch tauchen?“

Wieder bejahte ich.

„Tiefer als der Kiel eines Schiffsrumpfs liegt?“

Ich kniff die Augen zusammen. „Weshalb fragt Ihr mich das, Señor?“

„Könnt Ihr oder könnt Ihr nicht?“, kam es ungeduldig.

„Kann ich“, antwortete ich. Oft genug war ich getaucht, um Schätze zu bergen, die mir ein Schiff wie eine Caravela hätten einbringen können und die ich doch nie hatte bergen können. Doch für eine Brigantine hatte es gereicht.

Der Galicier strich sich grübelnd über den Oberlippenbart. „Ich kann weder schwimmen, noch würde ich jemals freiwillig den Kopf unter Wasser halten.“

Ich entgegnete nichts, sondern wartete auf das, was er mir eigentlich sagen wollte.

„Würdet Ihr zu einem Wrack tauchen, das etwas an Bord hatte, das ich wiedererlangen will, Capitán?“

Ich antwortete nicht vorschnell, forschte in seinen Zügen, wie der Mann es gemeint haben mochte, und entdeckte darin tiefe Ernsthaftigkeit. „Was wäre dieses Etwas?“, fragte ich.

„Eine hölzerne Schatulle, wenig größer als Eure Hand, Capitán.“

„Gibt es hier an der Küste nicht Fischer und erfahrene Seeleute, die sich auf das Tauchen verstehen?“, fragte ich interessiert. „Solche, die vielleicht noch mit dieser Erfindungen einer eisernen Glocke, von Tauen gehalten, und gekleidet in wasserdichte, lederne Kleidung in die Tiefe tauchen können?“

„Ihr seid gut unterrichtet, Capitán.“

„Señor, weshalb sollte ich das tun?!“, fragte ich herausfordernd.

„Solch erfahrene Männer beauftragte ich bereits, Capitán, doch es wurde nichts gefunden. Nicht bei mehreren ausgiebigen Tauchgängen. Nicht im näheren und nicht im weiteren Umfeld des Wracks. Und auch in diesem selbst fand sich die Schatulle nicht.“

„Erwartet Ihr, dass ich erfolgreicher dort bin, wo es eine ganze Mannschaft erfahrener Taucher nicht war?“, stieß ich, verblüfft über seine Vorstellung, aus. 

Der Galicier bedachte mich mit einem eigentümlichen Blick. „Ihr könntet es schaffen, Capitán!“

Der Mann war ein Fremder für mich, wie ich es für ihn war, umso mehr überraschten mich seine Worte. „Traut Ihr mir es vielleicht deshalb zu, weil ich ein Ire bin und irische Piraten als besonders verwegen galten?“

„Vielleicht, Capitán.“

Der Mann hat keine Ahnung vom Tauchen!, schoss es mir durch den Kopf. Er will ja nicht einmal mit Meerwasser in Berührung kommen, außer durch Planken getrennt!

„Ihr Iren habt einen eisernen Willen, Capitán. Ihr macht es den Engländern in eurem Land nicht leicht, und Ihr selbst segelt als selbst ernannter freier Mann über die Meere!“

Erstmals entdeckte ich ein Schmunzeln in den Mundwinkeln des Galiciers. Unweigerlich musste auch ich schmunzeln. „Das genügt Euch, Señor?“

„Ich würde einen Versuch wagen“, erklärte er mit leisem Lächeln.

„Und ich erst!“, entfuhr es mir kernig, denn bei mir würde es um nichts weniger als um mein Leben gehen, das ich einsetzen würde – oder immerhin meine Gesundheit!

Eine Frage drängte sich schon länger in mir auf, die ich ihm endlich stellen wollte. So bedächtig wie möglich wollte ich wissen: „Ist … Euer Bruder auf diesem Schiff ums Leben gekommen?“

Der Galicier schüttelte den Kopf. „No!“ Wieder war sein tiefes Atmen zu hören. „Ihr habt mir noch nicht wirklich meine Frage beantwortet, Capitán! Würdet Ihr zu dem Wrack tauchen?“

„Weshalb sollte ich diesen Tauchgang wagen, Señor?!“

Tiefer Ernst überzog das stolze, gut geschnittene Gesicht des Mannes, ehe er die Hand hob und mit großzügiger Geste auf die Karavelle deutete. „Sie wäre die Eure, Capitán!“

                                                                             *

Am nächsten Morgen setzten wir kurz nach acht Uhr die Segel und steuerten die Nordwestküste Galiciens entlang. Don Esteban hatte angeboten, wegen der nötigen Reparatur an meinem Schiff die Fahrt entlang der Küste auf einem der Schiffe seiner Familie durchführen zu lassen, doch ich hatte darauf bestanden, sie auf meiner Brigantine zu tun. Kein Käpt’n würde sich auf ein anderes Schiff begeben, wenn das eigene für immerhin absehbare Zeit noch zu segeln war!

An der Fiadh hatte sich am Vortag auf der Steuerbordseite achtern knapp oberhalb der Wasserlinie teilweise eine Außenplanke gelöst, was weder durch heftigen Wellengang noch durch eine Kollision mit starkem Treibgut geschehen war, sondern ein natürliches Vorkommnis war, was aber bald behoben werden musste. Eine längere Seereise war damit ausgeschlossen, die Küstenfahrt nach Camariñas und wieder zurück sollte nach einer notdürftigen Reparatur jedoch möglich sein.

Das Leck war rasch gefunden worden und Hanf in die Fuge getrieben. Darüber war als Abdichtung Pech gestrichen worden und darüber ein starkes Brett zur Sicherung der leck gewordenen Stelle gegeben, das den Wassereintritt gering halten sollte. Während der Reise würden sich Männer der Mannschaft darin ablösen, die Bilge zu kontrollieren und zu pumpen. So lange die See ruhig war, würde dies wohl nur gelegentlich nötig sein.

Der Galicier, der mit an Bord gekommen war und sich mir noch am Vortag als Don Esteban Rodrigo Gonzaléz bekanntgemacht hatte, stellte sich als schweigsamer Mann heraus. Während der ganzen Fahrt stand er an der Reling und sah unaufhörlich aufs Meer.

„Weshalb solltest Du die Schatulle finden, wenn vor Monaten ein ganzer Trupp Taucher den Meeresgrund im näheren und weiteren Umfeld um das Wrack abgesucht hat und sie nicht entdeckt hat, Sam?!“, wiederholte sich Jack, der mir bereits seit dem Tag zuvor damit in den Ohren lag.

Mir war durchaus klar, dass Stürme, die seit dem Untergang des Wracks gegen diese Küste gedonnert waren, als auch die kräftigen Strömungen und Gezeiten die Ladung eines Schiffs, erst recht eine derart kleine Holzschatulle, wie der Spanier sind unbedingt in Händen haben wollte, längst weit ins Meer hinausgetragen haben konnten, oder auch viele Kilometer die Küste entlang, weshalb die Taucher sie nicht hatten entdecken können. Und wenn sie ans felsige Ufer gespült worden war, konnte sie sich längst in Händen eines anderen Menschen befinden.

Ich entgegnete nichts.

„Sam!“, knurrte Jack, der mir die Hand schwer auf die Schulter legte. „Die Strömungen so nahe an den Klippen sind gefährlich!“

„Du hast in allem recht, Jack“, knurrte ich zurück, „dennoch will ich mich selbst da unten umsehen.“

„Weil die Schatulle übersehen worden sein könnte?“ Jack klang beißend.

„Ja.“

„Und weil Du unter allen Umständen die Caravela erlangen willst?!“

„Ja, Jack!“

„Idiot!“

Noch waren wir Stunden von Camariñas entfernt, auf dessen Höhe das Schiff des Spaniers am Riff zerschmettert worden war, als vom Atlantik her der Wind aus West bis Nordwest auffrischte und es am Horizont dunkler wurde.

„Da zieht etwas heran!“, erhob Don Esteban erstmals nach langem wieder die Stimme, in der erstaunliche Gelassenheit lag. „Hier an der Küste gibt es zu dieser Jahreszeit so gut wie keinen Niederschlag, doch regnen kann es dennoch einmal.“

„Was Sam nicht brauchen kann, wenn ihm dadurch das Licht in der Tiefe fehlt“, meinte Jack trocken, der sich zu dem Galicier und mir an die Reling gestellt hatte.

Don Esteban überlegte erkennbar. Mir kam es beinahe vor, als dass er die Nase in den Wind hielt. „Wir werden wohl zu der Zeit, wenn Ihr, Capitán, unter Wasser seid, Regen bekommen. In gleichem Maß habt Ihr wohl die besten Gezeitenverhältnisse für diese Küste und für den jetzigen Monat auf Eurer Seite, wenn Ihr am späten Nachmittag in der Phase des Hochwassers und des kommenden Wechsels von Flut zu Ebbe annähernd ruhiges Wasser habt!“

„Wie beruhigend!“, entfuhr es Jack, der ein grimmiges Gesicht machte. „Das Leck wird sich bei kräftigerem Seegang vergrößern, weshalb mehr Wasser in die Bilge kommt. Das sollte nicht außer Acht gelassen werden!“

„Allenfalls gibt es einen Wolkenbruch, der das Schiff nicht in Gefahr bringen wird, Señor!“, erklärte Don Esteban unbeeindruckt. Offenbar war er ein Kenner dieser Gewässer und seiner Gezeiten und darin möglicherweise sogar bewanderter als ich, wenn er denn als Navigator hatte über die Meere der Welt segeln wollen. Einige Male in meinem Leben war ich entlang dieser rauhen Küste gesegelt, hatte mich aber nicht mehr als notwendig mit ihr beschäftigt. Jedenfalls nicht über den Umstand hinaus, das Schiff auf solchem Kurs zu halten, damit es den todbringenden Klippen fern blieb. Getaucht hatte ich hier allerdings noch nicht, obwohl zahlreiche Wracks auf dem Grund lagen. 

Wir segelten Stunden, ehe sich im Gesicht des Galiciers wieder Leben zeigte. „Die Einheimischen nennen diese Küste hier …“, er deutete mit der Hand auf die hohen Klippen auf der Backbordseite und die Riffe, die aus dem Wasser ragten, „die Küste des Todes.“ Seine Lippen pressten sich hart zusammen. „Vor allem nennen die Seefahrer sie so. An diesen Riffen, vor allem an jenen, die sich bis weit vor der Küste unter Wasser erheben, zerschmettern seit Jahrhunderten Schiffe, bringen Seeleuten den Tod, sammeln sich Wracks auf dem Meeresgrund.“

Don Esteban klang pathetisch, doch an Theatralik war dem Edelmann offenbar nicht gelegen, denn sein Mienenspiel zeigte bitteren Ernst.

„Gab es seit dem Schiffsuntergang nicht auch Piraten oder Seemänner, die es wagten, zum Wrack zu tauchen und dort nach Kostbarem zu suchen?“, fragte ich frei heraus.

„Das Schiff hatte keine Schätze geladen, Capitán. Nur einfache Fracht, dazu etwas Mobiliar für das Stadthaus meines Bruders. Und Geschirr. Wenn dieses auch erlesen war. Ansonsten hatte es weder Gold, noch Silber, noch Juwelen an Bord. Was das Schiff geladen hatte, war bekannt oder konnte in Erfahrung gebracht werden. Weshalb also sollte sich ein Mensch dafür in Gefahr bringen?! Erst recht nicht, wenn keine Belohnung durch mich erfolgt!“

„So ist der Inhalt dieser Schatulle für Euch persönlich ein Schatz, aber nicht für andere, Don Esteban?“

„So ist es.“

Wir segelten noch mehr als eine Stunde, bis wir auf Höhe Camariñas waren. Plötzlich bekam der Galicier wieder Farbe ins Gesicht. „Hier gibt es zahlreiche Felsen und Untiefen. Haltet Euer Schiff lieber in genügend Abstand zur Küste, Capitán!“

Nichts anderes hatte ich vorgehabt, schließlich wollte ich meine Brigantine den zahlreichen Wracks am Meeresgrund nicht hinzugesellen. Wobei ein Schiff nicht so rasch sank, selbst nicht bei Sturm und eher gar nicht bei gutem Wetter, wie wir es derzeit noch hatten.

Nach kurzer Zeit wandte sich Don Esteban wieder an mich und deutete auf eine markante Felsformation an der Küste: „Capitán, vor diesen Felsen liegt das Wrack in etwa acht Faden (etwa 15 Meter) Tiefe!“  

Wir waren mit der Brigantine nur etwa eine Zehntelmeile (200 Meter)von der stark zerklüfteten Küste entfernt, als ich das Schiff darauf zusteuern ließ und den Lotgänger am Bug fortwährend das Lot auswerfen. Unentwegt gab er mir die Fadentiefe durch, und ich ließ das Schiff bei einem Tiefgang von drei Metern sich den Klippen annähern. Fortlaufend beobachtete ich die Fahrt, die Küste, den Wind und spähte mit den Männern, ob ich Riffe unter dem Wasser vor dem Schiff ausmachen konnte.

„Fünf Faden!“, rief Sheamus, der Lotgänger.

Ich ließ die oberen Segel einholen, die Marssegel reffen, was die Fahrt verringerte, das Schiff aber noch manövrierbar machte. Das große Großsegel wurde auf das erste Reff genommen.

Wieder sah ich Richtung Westen, von wo eine graue Wolkenbank auf uns zulief. Es wurde deutlich, dass ich wenig Zeit für meine Tauchgänge haben würde.

„Vier Faden!“, rief der Lotgänger am Bug. Inzwischen verlor die Brigantine erkennbar an Fahrt.

„Anker bereit!“, rief ich. „Großsegel bergen!“

Als der Galicier den konzentrierten Blick von der Wasseroberfläche zur mir zurückwarf und wie zur Bestätigung nickte, rief ich: „Anker fallen!“

Die Männer reagierten augenblicklich, und die Kette lief rasselnd über den Ankerbalken. Die letzten Segel wurden geborgen, und die Brigantine begann, leicht mit der Dünung zu gleiten.

Don Esteban beschrieb mir in knappen Worten und Handzeichen, wo in etwa das Wrack liegen musste. Gleich danach ging ich zum Beiboot, in dem zwanzig Kanonenkugeln bereit lagen. Es waren 6-Pfünder-Kanonen-Kugeln, die ich, wie stets für Tauchgänge in solche Tiefen, in Reste von Fischernetzen hatte einnähen lassen. Da wir an Bord selbst über keine mehr verfügten, hatte ich den Galicier noch am Vorabend gebeten, sie aus dem Bauch der Caravela holen und sie in solcher Weise für mein Vorhaben vorbereiten zu lassen. Jeweils eine von ihnen würde ich am Netz in jeder Hand halten können, damit sie mich im Wasser kopfüber in die Tiefe ziehen konnten.

Bis auf die Hose entledigte ich mich meiner Kleidung, band mir ein starkes Seil um den Bauch und hängte mir einen kleinen Netzbeutel aus grobem Leinen an den Gürtel, um einen möglichen Fund darin unterzubringen. Ich stieg ins Boot, in dem bereits Jack und zwei weitere Männer meiner Mannschaft auf mich warteten. Gleich danach wurde es zu Wasser gelassen.

Wir ruderten in den Bereich, den mir der Spanier bezeichnet hatte. Ein weiteres Mal beäugte ich den Himmel im Westen, wo sich die graue Wolkendecke zusammengezogen hatte. Es war eindeutig, dass wir vom schlechten Wetter etwas abbekommen würden. Fragte sich nur, wann es uns erreichen würde! Jedenfalls musste ich rasch machen, sonst würde mir das Licht bis in die Tiefe fehlen.

„Dir bleibt nicht viel Zeit, Sam!“, erinnerte mich Jack unnötigerweise.

„Ich weiß“, presste ich hervor, griff nach der etwa 50 cm langen metallenen Stange mit gebogener Spitze daran, um damit am Meeresgrund und zwischen den Felsen tasten, stochern und freilegen zu können, schob sie zu meinem Messer hinter den Gürtel und ließ mich über den Bootsrand ins Wasser hinab, das mich eiskalt empfing. Es ist nicht einer der Seen meiner Heimat, es ist der Atlantik, Finch!, erinnerte ich mich selbst. Während ich mich am Bootsrand festhielt, sammelte ich meine Gedanken und richtete sie auf das Ziel aus. Beruhigte meinen Atem. Als ich soweit war – vor dem Tauchen gab es für mich immer einen Punkt, an dem ich innerlich fühlte, bereit zu sein – holte ich mehrmals tief Luft und nickte, was den Männern bedeutete, dass sie mir die ersten beiden Kanonenkugeln in die Hände geben konnten, worauf sich meine Finger unmittelbar in die Netze krallten. Mit dem Kopf voran tauchte ich unter Wasser und hielt die Kugeln mit ausgestreckten Armen vor mir, worauf sie mich zügig, aber nicht rasant in die Tiefe zogen.

Sam und die Kanonenkugeln
Hinab in die Tiefe

Nach unzähligen Tauchgängen wusste ich meinen Atem einzuteilen und war deshalb ruhig. Jedenfalls genügend geübt darin, die Sache ruhig angehen zu lassen! Alles andere wie Ungeduld, plötzliche Unsicherheit, abschweifende Gedanken oder gar Angst konnte ich bei dem, was ich zu erreichen erhoffte, nicht gebrauchen!

Stille!, schoss es mir durch den Kopf. Für einige Augenblicke genoss ich diese Stille, die es an der Oberfläche nicht gab. Über Wasser war die Stille anders, war von anderem durchwoben, was ich nicht erklären konnte. Hier unten im Meer wob sich nur die Stimme des Wassers in sie. Ein Glucksen, die hörbare Schwere einer Bewegung wie die einer starken Strömung. Die Welt unter Wasser hatte ihre eigene Stimme, befand ich, der ich oft genug in den Wassern der verschiedenen Meere, und längst davor in Flüssen und Seen meiner Heimat Irland, getaucht war.

Das Wasser war kühl; eine Strömung, die mich erfasste, eher streifte, noch kühler. Der Meeresgrund näherte sich mir rasch, was an den Gewichten in beiden Händen lag. Selbst in der Tiefe war das Wasser noch klar und wurde zusätzlich durch die Sonne erhellt, die ihre Strahlen bis herab sandte. Weit vor mir, aber auch an meiner linken Seite machte ich dunkle Umrisse aus, die in ihrer Ausdehnung als auch Form unterschiedlich waren: Riffe und Schiffswracks!

Ich hatte Glück, denn die Kugeln zogen mich nahe an einem der mächtigen, scharfkantigen Felsen vorbei, und ich ließ die Gewichte los, als der helle Grund aus Sand und Gestein nahe vor mir war. Ich bewegte mich leicht mit den Armen und Beinen, hielt mich über dem Meeresboden, und sah mich um. Weit vor mir tauchte der dunkle Umriss eines Wracks auf, doch deutlich näher eines, das ich bereits beim Abtauchen ausgemacht hatte. 

War es das Schiff, von dem Don Esteban gesprochen hatte? Das Schiff seiner Familie, das hier vor einem halben Jahr bei einem Unwetter auf ein Riff aufgelaufen und unter mächtigen Brechern zerschmettert worden war? Entschlossen schwamm ich in die Richtung.

Dann machte ich etwas, was ich immer machte, wenn ich einem Wrack nahegekommen war: Ich versuchte so viel als möglich von seinem Aussehen in mich aufzunehmen und kam ihm auf diese Weise nahe. Niemals war ich in das Innere eines Wracks getaucht. Das lehnte ich ab, für mich wie für meine Männer, die wie ich tauchten und denen es ein ausdrückliches Verbot durch mich, den Käpt’n, war. Selbst gewaltige Löcher in den Schiffsrümpfen brachten mich nicht dazu, ins Innere einzudringen. Mir wäre es vorgekommen, als würde ich mich den mit den Schiffen untergegangenen Seeleuten und Passagieren gegenüber respektlos zeigen. Und den Schiffen gegenüber! Diese Giganten waren für mich nicht tot. Selbst im Zustand ihres Verfalls lebten sie. Für mich blieben sie auf besondere Weise verbunden mit der See und hatten auch ihre einstige Bedeutung auf dem Wasser nicht verloren. Sie schliefen. Sie schliefen einen Schlaf, der keiner war, eher ein Abwarten. Auf was auch immer sie warten mochten! Es waren Giganten, die sich angelehnt hatten an Riffe und eingebettet in den Meeresgrund. Sie blieben vom ewigen Wasser überspült.

Für mich hatten Wracks eine Seele, wie ein Mensch sie hatte. Hatten die Bäume, aus denen der Rumpf und die Masten bestanden, und alles andere aus Holz auf einem Schiff, nicht gelebt? Hatten die Bäume nicht beinahe das ganze Jahr über Grün getragen, manche von ihnen auch Früchte hervorgebracht, waren einem Änderungsprozess unterworfen worden?! Das Holz existierte nach wie vor, ich konnte es sehen, es berühren. Es besaß auch dann noch Leben, wenn Muscheln, Algen, und vielerlei anderes Leben im Meer es überzogen hatte!

Was die gesunkenen Schiffe in ihrem mächtigen Leib getragen hatten und noch immer darin verborgen war, gehörte ihnen für immer und ewig. Was sie freiwillig hergegeben hatten, alles an Ladung, die verstreut auf dem Meeresgrund lag, hatten sie losgelassen.

Ich wusste, dass mein angehaltener Atem noch reichen würde. Noch hatte ich die Zeit, mich unter Wasser entlang des Wracks hin zum Bug zu bewegen. Ich  erkannte, dass er nicht abgerissen war. Wie der Rumpf selbst war nach den Monaten, in denen das Schiff im Wasser lag, auch die Galionsfigur bereits von Muscheln, kleinen Anemonen und Algen bewachsen, doch noch gut als jene zu erkennen, die mir Don Esteban genannt hatte: Meeresgott Neptun mit einer Krone auf dem Haupt und einem Dreizack in der kraftvollen Faust.

Hier ist er ganz und gar in seiner Welt, Meeresgott Neptun, dachte ich mir, während ich zweimaldeutlich am Seil zog, worauf es für mich rasch nach oben ging. Bei einem einmaligen Ziehen würde es für meine Männer heißen, dass ich nahe an der Not wäre – oder bereits in solcher. In so einem Fall würde ich mit aller Kraft meiner Männer von diesen an die Wasseroberfläche gerissen werden. Ohne in Atemnot geraten zu sein, schoss mein Kopf dennoch nach Kurzem aus dem Wasser. Zuerst atmete ich aus, danach holte ich Luft und hielt mich am Bootsrand fest. Wegen des Salzwassers in den Augen blinzelte ich mehrmals und ließ mir von Jack, wie wir es immer taten, mit Süßwasser aus einem Schlauch die Augen auswaschen.

„Ich habe das Wrack gefunden, Jack. Am Bug ist Neptun.“

Jack, der sich über den Bootsrand zu mir beugte, nickte zufrieden. „Dann haben wir Zeit gewonnen!“

Ich wusste, Jack würde dem Galicier auf der Brigantine Zeichen geben, dass wir sein Schiff gefunden hatten, und wies meine Männer an, wohin sie das Boot rudern sollten. Während ich mich am Boot festhielt, näherten wir uns der Stelle, an der in der Tiefe das besagte Wrack lag. Ich wartete, bis sich mein Atem wieder beruhigt hatte, ließ mir die nächsten Kanonenkugeln in die Hände geben, und tauchte wieder unter Wasser. Mein nächster Tauchgang führte mich am Meeresgrund noch in der Nähe des Wracks zum nahen Riff, um mit der Eisenstange in den groben Furchen darin nach kleineren Gebilden zu stochern, die unter Bewuchs irgendwie ihre ursprüngliche Form behalten hatten. Die teils von Sand und Kies bedeckten Truhen und Fässer interessierten mich nicht. Sie waren längst von den durch Don Esteban beauftragten Tauchern untersucht und zurückgelassen worden. Zwischen Felsfurchen entdeckte ich manches Gefäß, das von Bord stammen konnte und leer war; jedenfalls bis auf manches Meerestier, das sich darin eine Behausung gesucht hatte.

Bereits als Jungs hatten Jack und ich von einem Fischer, einem geübten Taucher, gelernt, die Bewegungen des Wassers unter Wasser zu beobachten und mit ihnen umzugehen. Das Meer kannte eigene Gesetzmäßigkeiten wie Strömungen, die nach den Gezeiten stark wirbelten oder reißend wurden. Manche waren kalt bis extrem kalt, andere wieder angenehm warm. In unmittelbarer Nähe von Riffen und Höhleneingängen und größeren Spalten beobachtete ich, wohin sich die Algen auf den Felsen wendeten, denn die Strömungen, die dort entstanden, waren gefährlich.

Auch dieses Mal wieder nutzte ich Strömungen, die mich zu Felsen trugen – oder von diesen fort. Wo sie erkennbar wild waren, blieb ich fern. Gerade Felsenrücken mied ich, denn durch sie entstanden gefährliche Strömungen und Wirbel.

Bei aller Vorsicht erfasste mich dennoch an einem Ausläufer des Riffs eine starke Strömung, die mich augenblicklich packte und wie mit harter über Felsgestein zog, so dass es mir die Haut am Rücken aufscheuerte. Nicht tief, aber blutig. Was mir nicht fremd war.

Unter mir im Sand entdeckte ich einige zerschmetterte Truhen, allesamt von Algen, Muscheln und Röhrenwürmern bewachsen, und kleinere Gebilde, die mir nicht den Eindruck machten, im Meer ihren natürlichen Lebensraum zu haben. Etwas wie eine Schatulle war nicht darunter. Mit dem Haken stocherte ich in dunkel liegende Furchen zwischen den Felsen und fuhr auch in kleine Höhlen am Riff, aus denen mir Strömungen nicht gefährlich werden konnten. Allerdings schreckte ich dadurch so manchen Fisch oder auch kleinen Kalmarauf, der sich darin versteckt hatte.

Für meine weiteren Tauchgänge brachte mich das Beiboot über Meeresgrund, den ich noch nicht erforscht hatte. Ich blieb dabei nahe an den Felsen unter Wasser. Auf diese Weise weitete ich mein Suchgebiet aus, fand Mobiliar, aufgerissene Fässer ohne Inhalt, aber nichts, was unter Muscheln und Algen eine kleine Schatulle sein konnte.

Nach dem vierten Tauchgang musste ich nach dem Auftauchen rascher und tiefer als bisher atmen. Für Augenblicke erfasste mich Schwindel, und ich bekam Ohrensausen und verspürte einen dumpfen Druck im Kopf. All das kannte ich, war mir vertraut, verunsicherte mich nicht, längst nicht mehr. Ich hielt mich am Bootsrand fest, atmete ruhiger und sammelte neue Kraft.

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Jack mahnt Sam

Nach dem sechsten Tauchgang ließ ich mich ins Boot ziehen und legte mich für einige Minuten auf die Planken. Es brannte mir in der Brust, in den Oberschenkeln und Waden. Meine Muskeln zitterten. Wieder war dumpfer Druck im Kopf, in den Ohren, und Schwindel. Ich schloss die Augen. Nachdem Jack sie mir mit Süßwasser ausgewaschen hatte, wartete ich ab, bis es mir besser ging. Ich suchte den Himmel nach Regenwolken ab, doch noch schien über uns die Sonne. Für Minuten schloss ich wieder die Augen, wurde immer ruhiger. Beinahe wäre ich eingeschlafen. Die Luft war herrlich.

Beim siebten Tauchgang machte ich etwas, das ich, solange ich im Leben getaucht war, nie getan hatte. Es hatte mich ein Gefühl ergriffen, als wenn ich es unbedingt tun sollte, bald wie ein Drang. Bereits nach der Hälfte der Zeit, die ich zum Meeresgrund brauchte, ließ ich die 6-Pfünder los und tat nichts. Nichts! In etwa vier Faden Tiefe legte ich mich, frei von einer Strömung, auf den Rücken und ließ mich treiben. Streckte die Arme leicht rudernd zu den Seiten, streckte die Beine von mir. Und staunte. Ich sah nach oben durch das klare Wasser, entdeckte den Kiel des Beiboots, sah die Welt Neptuns um mich, wunderbar in ihrer Unberührtheit, ihren ausgeprägten Farben und Formen. Schwärme von bunt schillernden Fischen zogen an mir vorbei, wobei ein Schwarm von Fischen, bei denen das Blau vorherrschte, sich um mich teilte und über meinem Kopf wieder zusammenfand. Das Empfinden, das ich dabei hatte, war im Moment belebender als die Kühle des Atlantiks.

Algen, bald Sträucher, bald Bäume in rot, grün und braun, wiegten sich im Wasser in allen Höhen vom Meeresgrund bis nahe unter die Wasseroberfläche. Felswände, an denen sie sich anlehnten, verloren für mich durch die Pflanzen aber auch durch das Wasser ihre Schroffheit.

Ich ließ mich treiben, schloss die Augen, hörte auf die Geräusche des Wassers, das eine eigene Stimme besaß. Unvermittelt dachte ich an die Worte des Galiciers, an das Gespür! Seine Hand hatte auf seinem Herzen gelegen. Auch meine Hand legte sich auf die nackte Brust, unter der ich es pochen fühlte. Noch hatte ich genügend Luft. Vielleicht, weil ich vollkommen ruhig war, entspannt. Mich ergriff ein Gefühl, das ich niemals zuvor gehabt hatte: Ich fühlte mich geborgen im Wasser, in einem riesigen Meer! Unglaublich!

Bilder aus der Vergangenheit kamen durch das Wasser auf mich zu. Auch damals war es im Wasser gewesen, im Meer vor der Irischen Küste. Jack und ich, Jungs von 11 Jahren, konnten damals bereits gut tauchen. Immer wieder ruderten wir mit einer kleinen Jolle zu einem Riff, das zu einer unterirdischen Höhle führte. Der Weg unter Wasser war nicht weit und wir kannten die Strömungen dort: Jene, die uns dabei half, rasch in die Höhle zu kommen, und jene, die uns aus dieser wieder aufs Meer hinauszogen.

Ich erinnerte mit an einen Tag, als Jack und ich wieder einmal in die Höhle tauchten und wir beim Auftauchen die hohe, zerklüftete Felsendecke über uns hatten. Sonnenlicht drang durch Öffnungen weit über uns. Wie stets erschien uns die Höhle als ein Teil einer Welt, die es in Irland nicht gab und wahrscheinlich nirgends auf der Welt. Ein Ort magischer Wesen wie in der Sagenwelt des uralten Irlands. Wir kannten die Geschichten um den alten Meeresgott Manannán mac Lir, dem irischen Seemann, in denen es auch um den gefährlichen Atlantik, verborgene Höhlen und Wracks ging, und die Geschichten des sagenhaften Volkes der Tuatha Dé Danann, die göttliche oder übermenschliche Wesen gewesen sein sollten. Jack und ich stellten uns immer vor, dass einer der größten Helden der Sagen unserer Heimat jeden Moment aus einer der Öffnungen in den Felswänden zu uns treten würde: Cú Chulainn!

Unter großer Vorsicht stiegen wir aus dem Wasser auf den schroffen, steinigen Grund, damit wir uns nicht die Hände und bloßen Füße zerschnitten. Wir wollten weiter nach oben, hin zu einem plateauartigen Felsen, um dort für Stunden in dieser unwirklichen, faszinierenden Welt sein zu können. Doch dann erstarrten wir in der Bewegung!

Da oben war bereits etwas, saß auf dem Plateau und sah zu uns herunter. Wahrlich kein riesiger, muskulöser Cú Chulainn, eher ein Wesen, dass einem Menschen ähnlich war, kleiner als Jack und ich, doch kein Kind. Keinesfalls ein Kind! Jung … oder auch nicht jung. Es war irgendwie ohne Alter! Es sah uns entgegen und schien zu lächeln. Mir kam es vor, als würde es uns winken. Auf einmal hatte ich eine sanfte Stimme in meinem Kopf, was nicht möglich sein konnte. Doch es war so! Es flüsterte beruhigend mit mir und strahlte dabei so viel Güte aus, dass es mir eng im Herzen wurde. Und nicht nur Güte, sondern auch Wärme und ein Licht, wie ich es nur von meiner Mutter kannte: Liebe!

Wie gelähmt blieb ich an der Stelle und hockte mich hin. Jack tat es mir gleich. Das Flüstern des Wesens musste auch ihn erreicht, ja eingenommen haben. Jack lächelte, schien wie beseligt zu sein, was ich in seinem Profil erkannte.

Ich, Sam Finch, 25 Jahre alt, erfahrener Seemann und geübter Taucher, vom Atlantik umgeben, war wie betäubt in dieser Erinnerung, die ich über all die Jahre vergessen hatte! Vergessen! Ich öffnete die Augen und starrte in die Wasserwelt um mich. Augenblicklich durchjagte mich ein Gefühl der Erkenntnis, ein Empfinden, das mich damals als Junge gepackt und zutiefst erschüttert hatte: Alles ist EINS!

Es gab keine Höhle, kein irisches Götterwesen, kein Geschöpf aus dem Wasser, keines an Land, nichts am Himmel und im Meer und in allem Gestein auf der Erde, das nicht mit allem anderen verbunden war. Alles verband sich, alles gehörte zusammen, war EINS!

Ich spürte, wie ich mit mir und der Welt um mich im vollkommenen Frieden war. Ich wusste nicht einmal, weshalb ich hier war. Mir schien nur wichtig zu sein, dort bleiben zu können, wo ich war: Im Meer!

Daraus wurde nichts, denn entschlossen wurde ich am Seil nach oben gezogen. Als mein Kopf durch die Wasseroberfläche brach, starrte mich Jack über den Bootsrand beunruhigt an. „Das war zu lange, Sam! Was ist mit dir los? Geht’s dir gut?!“

Noch ehe ich antworten konnte, hatten mich die Männer ins Boot gehievt. Erschöpft lag ich auf den Planken, zitterte, musste heftig husten, würgte. Gierig sog ich den Atem ein. Wie von ferne hörte ich, was Jack zu mir sagte, was die anderen Männer im Boot sagten. Ich kannte diesen Zustand, auch Jack, der mich besorgt musterte. Ich hatte ich das Gefühl, nicht da zu sein, obwohl mein Körper auf den Planken lag.

„Wie fühlst du dich, Sam?“, fragte Jack, der mich an den Schultern packte.

Im ersten Moment wusste ich nicht, was Jack von mir wollte. Ich empfand mich einem vollkommenen Frieden entrissen. Blinzelte erst recht, als mir Jack aus dem Schlauch Süßwasser über die Augen goss.

„Sam!“, knurrte Jack, der mich leicht zu schütteln begann.

„Das … macht … es … nicht besser“, presste ich hervor.

„Was?“, fragte Jack.

„Mein Zittern.“

Jack erging sich in ein Schimpfwort unserer Heimat, ehe er fortfuhr: „Ich will wissen, wie du dich fühlst!“

„Gut … Jack. Richtig … gut.“

Ich öffnete die Augen. Jack musterte mich aufmerksam. „Heißt das, du hast die Schatulle gefunden?!“

„Nein.“ Ich stockte kurz. „Aber … was … weitaus Besseres!“

„Besser als die Schatulle?!“, stieß Jack verblüfft aus

„Ja“, antwortete ich, wobei ich den Wolken über uns mit Blicken folgte. Immer mehr dunkle waren darunter, denen es noch nicht gelang, die Sonne zu verdrängen. Langsam zog ich mich nach oben, hielt mich am Bootsrand fest und erkannte, dass die Brandung unruhiger geworden war.

„Das Leck!“, rief ich im Erinnern.

„Hält unter Pech und dem Brett gut, und die Männer pumpen regelmäßig die Bilge leer“, antwortete Jack umgehend.

Eine Zeitlang suchte ich die Wasseroberfläche zur Küste hin ab, unterstützt von Gedanken, die mich bei keinem Tauchgang in meinem Leben begleitet hatten: Verborgene Schatulle … es ist gleich, ob ich dich entdecke oder nicht. Entscheide selbst, ob du gefunden werden willst! Ich lächelte still. Jack und die anderen Männer im Boot würden davon ausgehen, dass ich Folgen der Tauchgänge zeigte, wie sie nach mehreren hintereinander und mit wenig Atempausen dazwischen stets auftraten: Schwächen in der Konzentration, blutleeres Gesicht, Zittern.

„Bist du dir sicher, dass du wieder runtergehen willst?“, fragte mich Jack, während er mich kritisch musterte.

„Bin ich.“ Ich sah mich weiter um und deutete intuitiv in eine Richtung, in der ich unter Wasser noch nicht gesucht hatte. „Dort rudert mich hin!“

Ich beugte mich über den Bootsrand und lotste die Männer an eine Ausgangsposition, von der aus ich, so Gott wollte, nicht unmittelbar am Felsen entlangschrammen würde, glitt wieder ins Wasser und war wenig später mit den nächsten Kanonenkugeln in die Tiefe unterwegs.

Die Gewichte in beiden Händen zogen mich gefährlich nahe an der Felswand nach unten, doch ohne jegliche Berührung. Am Grund beschrieb der Felsen eine vorragende Nase, auf die ich beileibe nicht aufkommen wollte, und ließ die Kugeln rechtzeitig vor dem Auftreffen auf Sand, Kies und Muschelgestein los. Der Felsen war überzogen von grünen, braunen und roten Muscheln und Seepocken.

Plötzlich schoss ein dunkelroter, kräftiger Fisch mit breitem, stacheligem Kopf um die Felsnase herum, ein Drachenkopf, blieb nahe vor meinem Gesicht und beäugte mich aus feststehenden, kalten Augen. Ohnehin hielt ich die Luft an, aber presste unweigerlich fester die Lippen zusammen. Mein Herzschlag erhöhte sich, denn die Berührung mit dessen Rückenflossenstacheln konnte tödlich sein, war pures Gift! Der Drachenkopf drehte ab und schwamm in anderer Richtung davon. Und ich atmete nicht auf. Oder doch? Innerlich atmete ich auf!

Wieder hatte ich die Stimme des Galiciers im Ohr … Gespür… Mein Kopf war klar, meine Sinne frei, mein Gehirn funktionierte tadellos! Auf unerklärliche Weise hatte der vorhergehende Tauchgang eine Last von mir genommen, die mir mehr Druck gewesen war als acht Faden an Wassermassen über mir! Ich wusste, ich wollte die Caravela, mein Herzschlag pochte danach, doch ich würde es der Schatulle überlassen, ob sie sich finden lassen wollte!

Ich sah mich um, noch war genügend Licht bis in die Tiefe. Unter mir im Sand war eine Kolonie von Seeigeln, mit denen ich nicht in Berührung kommen wollte. Nahe am Riff wiegten rote, gelbe und weiße Seeanemonen ihre Tentakel in der Bewegung des Wassers. Mit leichten Bewegungen der Arme und Beine hielt ich mich über ihnen. Eine kalte Strömung erwischte mich, zog mich von den Felsen fort. Als ich wieder frei war, schwamm ich zur Felsnase zurück und bewegte mich auf der anderen Seite. Wieder stocherte ich mit der Eisenstange in dunklen Furchen und schob die gebogene Spitze über Erhebungen unter dem Sand, um freizulegen, was sich darunter verbarg. Es war vieles, doch keine Form, die einer Schatulle ähnlich war.

Wenn Jack oben im Boot merkte, dass ich Seil brauchte – über die Jahre des Tauchens waren wir darin ein erfahrenes Gespann geworden – gab er mir Seil nach, wobei bei mir die Verantwortung lag, darauf zu achten, dass es nicht am Felsen rieb oder sich darin verfing.

Ich arbeitete mich am Fuß des Felsens vorwärts und stocherte mit dem Haken in dunklen Spalten. Wo es geeigneter war, zog ich mein Messer und arbeitete damit. Nirgendwo fand sich etwas, das eine algenbewachsene Schatulle sein konnte. Etwas Eckiges!, hämmerte es mir  im Kopf, während ich mich entlang des Riffs bewegte, leicht mit den Armen und Beinen ruderte, oder von einer Strömung mitziehen ließ.

Es wurde Zeit und ich zog zweimal am Seil, und kurz darauf lag ich erneut zitternd, mit Druck im Kopf und von Schwindel erfasst im Boot. Mit unsicheren Fingern tastete ich über die innere Bootswand und versuchte, mich zu orientieren. Jack goss mir wieder Süßwasser über die Augen, in denen sich das Brennen hielt. Ich versuchte, mich zu beruhigen, meinen Atem zu beruhigen. Diesmal nahm ich mir mehr Zeit als bislang, um die Erschöpfung in den Griff zu bekommen. Obwohl über uns noch die Sonne schien, fielen erste Tropfen auf mein Gesicht.

„Du bringst dich um, Sam!“, knurrte Jack über mir.

„Tue … ich … nicht.

„Sie ist es nicht wert, Sam!“

„Sie …  ist … ist es!“ Ich konnte kaum sprechen, doch für eine Verteidigung des Schiffes, das ich nie mehr aus dem Kopf bringen würde, raffte ich allen Atem und Bruchstücke meiner Stimme zusammen.

Die Caravela … ihre Pracht, ihre Schönheit, ihre Eleganz, die großartige Takelung, das durchdacht konstruierte Heck mit prunkvollen Schnitzereien, kleine und viele Fenster, die einer Umsegelung von Kap Horn standhalten konnten. Ich hatte das tiefe Empfinden in mir, ich müsste dieses herrliche Schiff, das noch nichts von den Meeren der Welt gesehen hatte, retten! Doch wenn die Schatulle anders entschied, würde ich von der Caravela lassen!

Diesmal brauchte ich – für mein Empfinden – lange, bis ich mich in der Lage fühlte, ein weiteres Mal zu tauchen.

Es war mein vorletzter Tauchgang, der neunte. Es hatte für mich niemals mehr als zehn Tauchgänge gegeben. Irgendwo musste man eine Grenze ziehen. Bei mir war es die Zahl Zehn gewesen. Schon immer. Niemals hatte ich allerdings mit derart knapp bemessener Zeit dazwischen so viele Tauchgänge durchgeführt. Nie war mir auch eine Frist so knapp bemessen gewesen wie bei der Caravela.

Die Helligkeit verlor sich hinter mir, während mich die Kanonenkugeln in die Tiefe zogen. Über Wasser hatte offenbar Regen eingesetzt. Wieder glitt die Welt Neptuns an mir vorbei. Wieder hatte ich dumpfes Glucksen in den Ohren. Ich hielt mich am Fuße des Riffs, an dem ich bereits vorher gesucht hatte, und stocherte weiter in den Furchen darin. Aus einem schmalen Spalt im Gestein schoss eine Muräne und nahe an mir vorbei, und bewegte sich in geschmeidigen Schlangenbewegungen fort.

Fühlen … das Gefühl!, wie der Spanier gesagt hatte. Mein Herz begann, mit der Schatulle zu sprechen!

Ich konzentrierte mich auf die steinernen Ausläufer eines Riffs, die wie lange Finger gespreizt waren, und stocherte mit dem Haken darin. Eine eiskalte Strömung erwischte mich, riss mich ein Stück fort, was ich zuließ, nicht dagegenhielt. Ich schwamm zurück und setzte meine Suche fort. Ein silbern funkelnder Schwarm von Fischen zog an mir vorbei. Es war wie pures Funkeln von Silber, das kurz Helligkeit in die Tiefe brachte. Ich genoss diesen Anblick, verlor Zeit. Ich musste wieder nach oben, musste atmen, und zog diesmal nur einmal am Seil. Im selben Moment entdeckte ich etwas zwischen dem Gestein, das eine eckige Form aufwies. Freilich war es von Muscheln überzogen, aber es war eckig!

Ich wurde in die Höhe gerissen. Kaum war ich mit dem Kopf aus dem Wasser, klatschte kalter, harter Regen auf mich herab. Der Atlantik war wärmer. Ich hielt mich am Bootsrand fest, atmete aus, wie ich es immer nach dem Auftauchen tat, selbst wenn nur noch geringste Atemluft in mir war, um hernach tief einzuatmen. Ein Zittern überlief meinen Körper, das Muskelzucken wurde schmerzhaft. Ich merkte, wie mir kalt wurde. Vor meinen Augen flimmerte es. Wenn ich jetzt hätte sprechen wollen, ich hätte es nicht geschafft. Meine Gedanken waren wirr, kreisten, wurden euphorisch.

Die Männer wollten mich ins Boot ziehen, aber ich gab ihnen mit der Hand ein Zeichen, davon abzulassen.

„Lass Dich ins Boot holen!“, brüllte Jack durch die bleigraue Welt, die nur noch aus Wasser bestand.

„Letzte … Ku … geln … jetzt!“, presste ich hervor und hoffte, dass die Fetzen meiner Stimme durch das Lärmen um uns dringen würde.

„Amadán!“ (Narr!) brüllte Jack.

Unter Wasser ist es ruhiger!, dachte ich nüchtern. Obwohl das Boot heftig schaukelte, ich mich mit Kopf und Brust dagegen drückte und dennoch heftig dagegen geworfen wurde, versuchte ich zu atmen und ruhiger zu werden. Was sind ein paar Beulen gegen … Ich brach in meinen Gedanken ab, denn endlich bekam ich die Kugeln in die Hände. Es waren die letzten. Das aufgepeitschte Wasser tat sein übriges und riss mich regelrecht unter die schäumende Oberfläche. Darunter war das Lärmen des Wolkenbruchs augenblicklich gedämpfter. Eine warme Strömung erfasste mich.

Die Caravela stand mir wieder vor Augen und mit ihr die kleine Schatulle, die unweigerlich mit ihr verbunden war. Dieses herrliche Schiff und seine Bestimmung, der es bislang nicht hatte folgen können: Hinaus auf See zu gleiten und ihre mächtigen Masten in den Himmel zu strecken und ihre prächtigen Segel mit starkem Wind füllen zu lassen!

Meine Kräfte waren so gut wie aufgebraucht, was ich daran merkte, dass ich unentwegt zitterte. Je tiefer ich kam, desto abgeschnitter war das Tageslicht hinter mir. Ich sah zur Wasseroberfläche hoch, die sich rasch von mir entfernte und zu einer flimmernden, bleigrauen Fläche wurde.

Um mich wurde es zunehmend neblig und diffus, bis ich nur noch in schwach grünlich-blaues Wasser tauchte.

Seit dem Abtauchen hatte ich die Sekunden gezählt, musste also jeden Moment am Meeresgrund sein, und ließ die Netze mit den Kugeln los. Nicht zu früh, denn als ich die Hände ausstreckte, gruben sie sich in Sand und Kies.

Vor dem Hochziehen hatte ich mir eingeprägt, wo die Felsnase lag und jene Furchen, zwischen denen ich das Eckige ausgemacht hatte. Ich bewegte mich in die Richtung, in der sich das Riff wie eine dunkle Wand vor mir erhob und sich mir an ihrem Fuß die beinahe schwarzen Spalten wie gespreizte Finger entgegenstreckten. Dort irgendwo unter Muscheln und anderem Bewuchs hatte ich das kleine kastenförmige Gebilde ausgemacht und begann, vorsichtig mit dem Haken danach zu stochern. Die Spitze lief spürbar über Gestein, glitt durch Algen, glitt weiter.

Da, da war es! Ich streckte die Hand aus, tastete mit den Fingern, ertastete Muscheln und etwas, das ein Beschlag sein konnte. Ein metallener Beschlag! Mein Herzschlag jagte hoch! Dachte ich mir die Muscheln, Röhrenwürmer und Seepocken weg, konnte es eine Schatulle sein! Mit dem Messer stocherte ich zwischen dem Felsgestein und dem Etwas, das durch seine verkeilte Lage und den Bewuchs damit verbunden worden war.

Schatzsuche in der Unterwasserfinsternis1
Die Schatulle wird gefunden

Ich muss nach oben!, hämmerte es mir im Schädel. Entschlossen setzte ich die Spitze des Hakens unter das Ding und zerrte daran, verstärkte die Kraft, und endlich gab der Fels es frei, worauf ich es packte und in den Netzbeutel am Gürtel stopfte. Diesmal zog ich nur einmal am Seil. Im nächsten Augenblick wurde ich nach oben gerissen und schoss durch die lichtlos gewordene Welt um mich, die schließlich zu einem Bleigrau verschwamm. Als mein Kopf die Wasseroberfläche durchstieß, explodierte über mir das Licht. Wie geblendet presste ich schmerzhaft die Augen zusammen. Im nächsten Moment wurde ich gepackt, ins Boot gehoben und auf die Planken gelegt. Der Regen prasselte immer noch hart, aber süß schmeckend aufs Gesicht und in den Mund, den ich in meiner Atemnot aufriss.

Ich japste nach Luft, verschluckte mich und hustete bis zum Würgen. Ich spie Salzwasser aus, musste wieder husten und jämmerlich nach Luft japsen. Um überhaupt atmen zu können, drehte ich den Kopf zur Seite. Ich war vollkommen erschöpft. Blinzelnd sah ich, wie sich Jack mit dem Oberkörper über mich beugte, damit ich bei dem starken Regen überhaupt atmen konnte. Mir schien es eine lange Zeit, bis der Regen schwächer wurde und ich besser atmen konnte, aber es waren wohl nur wenige Minuten gewesen. Jack gab den Blick auf den Himmel über mir frei. Auch wenn meine Augen höllisch brannten und ich ständig blinzelte, erst recht, als mir Jack aus dem Schlauch Süßwasser über die Augen gab, nahm ich wahr, dass das graue Wolkenband über uns aufriss.

„Kratz … die Muscheln … ab, Jack!“, ächzte ich.

Ich hielt die Augen geschlossen und spürte, wie mir der Netzbeutel vom Gürtel genommen wurde. Danach folgte ich in merkwürdiger Spannung dem Geräusch, das es gab, wenn mit einem Messer Hartschaliges von Holz abgekratzt wurde.

Bis das Beiboot wieder an Deck der Brigantine war, blieb ich auf den Planken liegen. Selbst dann noch, denn ich gab mir selber Zeit, bis ich mich besser fühlte. Erst dann öffnete ich die Augen, quälte mich hoch und ließ mich auf die Ruderbank fallen. Jack drückte mir eine hölzerne, schwärzliche Schatulle in die Hand, die beinahe von Muscheln und anderem Bewuchs befreit worden war. Auf dem Holz waren Reste verrosteter Eisenbeschläge und einer metallenen Wappenkartusche, auf dem die ehemalige Abbildung kaum noch zu erkennen war. Was noch anschaulich war, waren Masten und Segel eines Schiffes und darüber Reste eines Helms mit der Helmzier in Form eines Adlers mit ausgebreiteten Flügeln.

Ich ließ die Schatulle auf der Ruderbank, während ich mit wackligen Beinen aus dem Boot stieg und zur Reling ging. Dort stützte ich mich ab, weil ich immer noch erschöpft war. Jack, der meinen Zustand erkannte, kam mit einer Decke und legte sie mir über die Schultern.

„Was ist mit dem Leck?“, fragte ich.

„Die Abdichtung hält und es wird regelmäßig abgepumpt. Unser Schiff wird es nach La Coruña zurück schaffen!“

Ich nickte zufrieden, ehe meine Gedanken wieder in andere Richtung gingen: Die Schatulle! Sie hatte große Bedeutung für mich und den Galicier, und ich wusste noch nicht einmal, ob es sich um jenes Kästchen handelte, nach dem dem Mann so sehr verlangte. Gespannt drehte ich mich um. Noch immer stand Don Esteban dort, wo er gestanden hatte, als ich aus der Jolle geklettert war. Hoch aufgerichtet stand er in der Nähe des Großmarssegelmastes und hielt den Blick seiner dunklen Augen auf mich gerichtet.

Ich ging zum Beiboot, griff mir die Schatulle und machte mich zu ihm auf. Als ich ihm das Kästchen zeigte, brannten sich seine Augen förmlich daran fest. Deutlich war zu erkennen, wie sich Don Estebans Brustkorb unter dem schwarzen Wams hob und senkte.

„Ist dies die Schatulle, die Ihr wiederhaben wolltet, Don Esteban?“, fragte ich und glaubte, vor Anspannung platzen zu müssen.

Noch tasteten sich die Blicke des Mannes über die Schatulle, versuchten sich zu erinnern, erkannten sie offenbar schließlich, denn kaum merklich nickte er, legte sich die Hand auf die Brust und neigte leicht den Kopf vor mir. „Sie ist es!“

Rostige Schatzkiste im goldenen Seelicht
Sam gibt Don Esteban die Schatulle

Ich war wie vom Donner gerührt! Auf diese Antwort hatte ich gehofft und hätte aufjubeln können! All die Anstrengung, die Qual des immensen Drucks des Wassers in der Tiefe auf mir, entluden sich in einem neuerlichen Schauer, der meinen Körper durchjagte. Ich überließ Don Esteban die Schatulle, neigte meinerseits leicht den Kopf vor ihm, und stellte mich wieder an die Reling. Mir wurde kurz schwarz vor Augen und ich glaubte, dass mir die Beine wegknicken würden. Hart stützte ich mich auf der Brüstung ab. All das, weil in mir eine Erkenntnis übermächtig zu werden drohte: Die Caravela war von nun an die Meine!

Am nächsten Morgen segelten wir bei auflaufendem Wasser in den Hafen von La Coruña. Unsere treue Brigantine hatte, obwohl durch das Leck deutlich mehr Wasser als noch am Vorabend eintrat, die Rückfahrt entlang der Küste gut geschafft, wobei freilich die Nacht über das fortlaufende Auspumpen des Bilgenwassers nötig gewesen war.

Jack und ich standen neben Don Esteban an der Reling und beobachteten mit großem Interesse, was sich uns bot: Auf der leichten Dünung hielten sich spanische Handelsschiffe, Transportschiffe und Kriegsschiffe, bei denen erkennbar noch aufwendige Reparaturen der Schäden auszuführen waren, die sie vor Monaten bei dem schweren Sturm am Kap Finisterre erlitten hatten. Leicht, bald elegant, glitt unsere Brigantine zwischen zwei Kriegsschiffen hindurch, um Kurs auf die Caravela zu nehmen. Wie hatte Don Esteban kurz vor Erreichen der Bucht doch großzügig geäußert: „Segelt in den Hafen, Capitán, und ankert neben der Caravela! So habt Ihr es einfacher, Eure Vorbereitungen zum Auslaufen mit der Caravela anzugehen.“

Da ich nicht davon ausging, dass der Mann an Selbstüberschätzung litt, was sein Einfluss in der Hafenstadt ausmachte, war ich seinem Vorschlag gerne nachgekommen. Jack und ich waren gespannt, was geschehen würde, alle Männer an Bord waren es, denn mit unserem Auftauchen im inneren Hafen hatte eilig ein großes Ruderboot vom befestigten Ufer abgelegt, um kraftvoll Kurs auf uns zu nehmen. Wir hatten die Caravela bereits erreicht, und die Kette lief rasselnd über den Ankerbalken, als das Ruderboot neben uns anlangte. Mitten im Boot standen zwei wichtig aussehende Herren, die ich bereits am Vortag als Vertreter der Zoll- und Hafenbehörde kennengelernt hatte und die mit grimmigen Gesichtern zu uns sahen. Vor und hinter ihnen standen Soldaten, die die Gewehre auf uns angelegt hatten. Noch ehe ein einziges Wort fiel, überzog die Gesichter der beiden Administratoren eine jähe Blässe, und in beider Mienen zeigte sich Fassungslosigkeit.

„Señores …“, ergriff Don Esteban das Wort im kühlen, bestimmenden Tonfall. „Der Capitán hier, sein Stellvertreter und die gesamte Mannschaft sind meine Gäste für die Zeit, die sie hier in A Coruña verbringen! Ich darf doch davon ausgehen, dass meiner Bitte entsprochen wird?!“

Die beiden Administratoren im Boot drängten sich buchstäblich danach, dem noblen Mann zu schmeicheln. Nachdem den Soldaten durch einen herrischen Wink befohlen worden war, augenblicklich die Waffen zu senken, verbeugten sich beide Herren ehrerbietig vor Don Esteban.

„Vuestra Excelencia, Eurem Wunsch wird selbstverständlich entsprochen!“, stieß der Vertreter der Hafenbehörde hektisch aus, dem unter der Blässe im Gesicht die Wangen feuerrot geworden waren. „Habt Ihr noch weitere Wünsche, Vuestra Excelencia?“

„Was für die Brigantine als auch die Caravela an Proviant für eine längere Seereise benötigt wird, ob frisches Wasser und Proviant als auch jegliches benötigte Schiffsmaterial, ist rasch und zur Zufriedenheit des Capitáns zu Verfügung zu stellen! Und trachtet danach, dass die Reparatur an der Brigantine unverzüglich erfolgt, Señores“ Wieder neigte sich der Kopf des Vertreters der Hafenbehörde tief auf die Brust. „Selbstverständlich, Vuestra Excelencia! Habt Ihr noch weitere Wünsche, Vuestra Excelencia?“

„No, Señores.“

Jack und ich verbargen hinter vorgehaltener Hand ein breites Grinsen. Um nichts in der Welt hätte ich in diesem Augenblick woanders sein wollen und war mir sicher, Jack ging es genauso.

Nachdem uns Don Esteban verlassen hatte, machte ich mich mit Jack und meinen Männern auf die Caravela auf. Bald wie Jungens, die auf Abenteuer aus waren, durchforschten wir das prachtvolle Schiff. Ich ließ keinen Platz auf oder unter Deck aus, sah mir alles an. Der Laderaum der Caravela, die den der Brigantine verständlicherweise um ein mehrfaches an Größe überbot, war riesig. Und leer. Was meine Mannschaft und ich für eine Weltumsegelung benötigen würden, würde hier mühelos Platz finden. Schon deshalb, weil Wasser und Proviant beständig erneuert werden mussten.

Als ich über die Wanten bis auf die rechteckige Plattform des Mars am Großmast stieg, von dem aus der Blick über die Pescadería, in der das Leben bunt und voller fremder Gerüche und menschlicher Stimmen drängelte, hinauf zum hoch gelegenen Stadtviertel ging, stellte ich mir schmunzelnd vor, wie Beans da oben nicht nur Stunden, sondern ganze Tage voller Begeisterung würde zubringen wollen. Immerhin so lange, bis ihn der Hunger in den Eingeweiden wieder auf die Planken zurücktreiben würde. Von dieser Höhe machte mich der Anblick des stolzen Dreimasters ein weiteres Mal sprachlos! Unweigerlich dachte ich an Don Esteban. Mich berührte seine Anständigkeit, ja seine Großzügigkeit einem einfachen Seemann gegenüber, der nicht einmal ein Mann seines Volkes war, zu seinem Wort gestanden zu sein und mir dieses prachtvolle Schiff gegen die Schatulle überlassen zu haben! Welche Möglichkeiten hätte ich denn gehabt, die Caravela rechtmäßig zu erlangen, wenn er sich an sein mir gegebenes Wort nicht hätte gebunden gefühlt hätte?

Was aus meiner Kajüte in die Kapitänskajüte der Caravela kam, verlor sich beinahe darin, so ausladend war diese. Die Kajüte, nein, die beiden Kajüten unter dem Achterdeck waren in einem Zustand, der mich ein weiteres Mal staunen ließ. Freilich waren sie für Don Esteban und seinen Bruder mit allem erdenklichen Luxus ausgestattet worden. Alleine das rötlich schimmernde Holz, das für die Wände als auch den Tisch, die Regale und Truhen verwendet worden war, würde ab der heraufziehenden Dämmerung und sobald die Lampen entzündet waren erscheinen, als hätte man dem Holz eine Spur flüssigen Goldes eingebeizt.

In den Regalen fanden sich Bücher umfangreichen Inhalts freilich über die See und die Seefahrt, über ferne Länder, auch über Botanik. Viel Platz im Regal nahm ein umfangreicher Foliant ein mit dem ungewöhnlichen Titel: „Eine Seeroute von den Meeren zu den Sternen.“ Vom Verfasser hatte ich noch nicht gehört. Wobei ich sagen muss, dass ich, wenn es mir die Zeit erlaubte, sehr wohl in Büchern las. Das Lesen hatten sich Jack und ich bereits in der Jugend angeeignet, jedenfalls ab einem Zeitpunkt, der für uns wahrlich als Freiheit ins Leben getreten war.

Ich staunte nicht schlecht über das, was ich an Büchern vorfand, und freute mich, irgendwann darin blättern und lesen zu können.

Jack bot ich die andere Kajüte an, die offenbar Don Esteban hatte beziehen wollen, denn dort befassten sich die meisten Folianten mit der Schifffahrtskunde und allem, was die Navigation betraf. Mehrere Seekarten lagen auf dem Tisch, Zirkel, Lineal und eine kleine Sanduhr. Jack lehnte ab. Er wollte in seiner bisherigen Kajüte unterm Hauptdeck bleiben, die neben seinem Verständnis von Gemütlichkeit so ziemlich seiner Erinnerung an unser beider Heimat Irland entsprach.

So blieb eine Kajüte leer, und ich ahnte, dass sie es nicht auf Dauer bleiben würde.

Wie Jack und mir ging es unseren Leuten, die das Schiff wie ausgeschwärmte Ameisen durchstöberten. Ich hörte ihr Rufen, bald Johlen, Lachen. Natürlich kletterte Beans den höchsten Mast hinauf, den Großmast, um dort von der Plattform aus in die Welt zu sehen, und kam in den nächsten Stunden nicht mehr auf die Planken zurück.

Als ich das Achterdeck bestieg, sprang mir beinahe das Herz aus der Brust. Mein Gott!, schoss es mir durch den Kopf, war das ein Anblick von da oben auf das Schiff, auf den Hafen, auf die gesamte Stadt! Und erst noch, als ich mich umdrehte und zur offenen See sah. Mir ging das Herz auf!

Am Abend desselben Tages besprach ich mich mit Jack, denn ich hatte den Entschluss gefasst, meine gute, treue Brigantine einem anderen Mann zu überantworten. Und zwar ohne jeglichen Gegenwert. Es war klar gewesen, dass ich sie nicht behalten konnte und doch wollte ich sie keinem Fremden überlassen. Unter meiner Mannschaft befand sich ein Mann, dem ich sie guten Gewissens überlassen konnte, wenn er sie nehmen wollte. Davie Clark, ein Schotte, segelte bereits lange mit mir und Jack, und es war mir eine große Freude gewesen, ihn als Kapitän als auch in der Navigation zu unterweisen. In beidem war er mir bald als äußerst befähigt aufgefallen, und Clark wieder hatte allen Ehrgeiz daran gesetzt, meine Kenntnisse zu seinen zu machen. Auch war er von einem ausgeglichenen oder auch entschlossenen Temperament. Jemand, der eine Schiffsmannschaft zu führen wusste.

Da ich wusste, dass es seit langem sein Bestreben war, ein eigenes Schiff zu besitzen, unterbreitete ich ihm meinen Vorschlag. Er starrte mich an, als hätte ich ihm im Moment die Planke unter den Füßen weggezogen. Ich gab ihm Zeit, in der sich sein Adamsapfel unter mühsamen Schlucken durch die Kehle quälte, ehe er hervorpresste: „Ich … ich … kann nichts sagen, Käpt’n!“

„Dann sind wir uns ja einig, Davie“, erklärte ich, während ich ihm die Hand hinhielt, in die er erst zögernd, dann entschlossen einschlug. „Möge Gott Euch das vergelten, Käpt’n!“

„Möge Dir der Allmächtige stets den rechten Kurs weisen, Davie!“

Da der größere Teil der Mannschaft auf die Caravela wechseln wollte, enge Freunde von Clark aber mit ihm segeln, brauchten wir für beide Schiffe weitere Seeleute. Alleine um die Caravela segeln zu können, brauchte es dreißig Matrosen, weshalb uns der Umstand entgegenkam, dass sich zur Genüge einfache Matrosen in der Hafenstadt aufhielten. Es waren irische und schottische Handelsschiffsmatrosen darunter, die auf Transport- und Handelsschiffen der spanischen Invasionsflotte gedient hatten. Einige von ihnen hatten ihre Heuer beendet, andere waren entlassen worden.

Als Kapitäne boten Davie Clark und ich, wie es üblich war, den Matrosen Handgeld, Heuer und Verpflegung, und rasch entschlossen wechselten bald zwanzig Mann auf die Brigantine und die Caravela. Ohnehin hatte ich den Eindruck, dass mancher von ihnen erleichtert war, fortan auf „irischen“ oder „schottischen“ Planken zu stehen.

Uns fehlten immer noch Matrosen, weshalb ich auf die Idee kam, die Frage an Don Esteban zu richten, ob er der Übernahme jener Seeleute zustimmen würde, die ursprünglich auf der Caravela gesegelt wären. Dem Galicier wurde offenbar erst jetzt bewusst, dass für ein Segeln der Caravela die Mannschaft, die ich bislang hatte, keinesfalls ausreichen konnte. Bereitwillig erklärte er, dass nur noch die Hälfte der Matrosen in seinen Diensten stehen würde, ich diese aber selbstverständlich abheuern könnte.

Ich überließ es den spanischen Matrosen, ob sie unter dem Kapitän eines anderen Landes segeln wollten, worauf in der Tat einige deutlich machten, keinem anderen als einem spanischen Kapitän dienen zu wollen. Letztlich heuerten elf spanische Matrosen bei Clark und mir an, so dass wir endlich in der Lage waren, die Schiffe segeln zu können.

Es war die Zeit, in der ich eine Einladung Don Estebans erhielt, die mich in sein Haus über dem lebhaften Hafenviertel der Pescadería in die oberhalb gelegene alte Stadt führte. Sein Stadthaus war, wie ich es erwartet hatte, prachtvoll wie die Caravela! Dazu in den Räumlichkeiten üppig ausgestattet mit Marmorbüsten irgendwelcher berühmter spanischer Helden, die mir fremd waren, erlesenem Mobiliar und vielem, wofür ich selbst keinerlei Verwendung gehabt hätte.

Nach einem prachtvollen Tor, das mir geöffnet worden war, und einem längeren Weg durch einen herrlichen Garten kam mir mein Gastgeber aus einem weit offenstehenden Portal eines herrschaftlichen Hauses über Stufen, die nach unten führten, entgegen. Doch erst im Inneren des Hauses in einem von wahrscheinlich vielen Räumlichkeiten neigte er leicht den Kopf vor mir. „Gestattet, Capitán, dass ich Euch erstmalig meinen vollständigen Namen nenne. Unser heutiges Zusammentreffen gebietet es, mir Euch zur Gänze auszuweisen. Ich bin Don Esteban Rodrigo González de Andrade y Sotomayor, Señor de la Casa de Andrade, Caballero de Santiago y Regidor perpetuo de La Coruña.

Was bin ich doch genügsam mit meinem Samuel Aengus Finch!, dachte ich und zwang mich, meine ernsthafte Miene beizubehalten.

In einem Saal, den Ausmaßen des Laderaums der Brigantine ähnlich, wurde an einer bald gleichsam so langen Tafel ein erlesenes Mahl serviert, ehe mich mein Gastgeber auf die zum Stadthaus gehörende Terrasse bat und dort an die Brüstung, von der aus man auf das Meer blickte. Der Anblick war atemberaubend!

Esteban und Sam im Palacio
Don Esteban und Sam blicken auf die Pescadería und das Meer

Wenn ein Mensch Sehnsucht für die See entwickeln mochte, war es wohl ein solcher Platz, um sie in seinem Herzen entfesseln lassen zu können, dachte ich mir und trank von dem erlesenen Wein, von dem ich noch keinen dieser Art im Leben gekostet hatte. Ich trank ihn langsam und mit Genuss, und nahm später noch ein zweites Glas.

Der Wind kam erfrischend über die Bucht zu meinem Gastgeber und mir herauf und trug den Geruch des Meeres in sich: Weite, Unberechenbarkeit, Freiheit!

„Versteht Ihr mich, Capitán?“, fragte Don Esteban unvermittelt und sah auf die gleißende Fläche der See.

„Wie könnte ich nicht, Don Esteban!“

Nach einer kurzweiligen Unterhaltung, die im Wesentlichen über die See ging, bat er mich, ihn kurz zu entschuldigen. Als er wiederkehrte, hielt er eine umfangreiche Mappe in Händen, die er mir reichte. „Capitán, die Caravela gehört von nun an rechtmäßig Euch. In dieser Mappe befinden sich alle Dokumente, die dies notariell belegen. Ich habe sie von einem guten Freund von mir, einem Notar, der auf diese Weise desgleichen Zeuge dieser gewollten Übereignung ohne jedweden Gegenwert ist, zusammenstellen und unterzeichnen lassen, als auch von einem anwesenden Zeugen, einem mit meiner Familie befreundeten hochgestellten Mann. Selbstverständlich setzte auch ich meine Unterschrift darunter. Ihr solltet, wo es auch erforderlich ist, keinerlei Schwierigkeiten haben, Euch neben dem Besitz als neuen Eigentümer der Caravela zu beweisen.“

Ich sah auf die Mappe, wusste, um was es sich handeln würde: Um Papiere, die das Eigentum eines Schiffes durch den neuen Eigentümer belegen, als auch all dessen Befugnisse, die damit verbunden waren.

„Bitte nehmt Euch Zeit, Capitán“, erklärte Don Esteban, deutete auf einen kleinen Tisch mit prunkvollem Stuhl in der Nähe, zu dem er mich einlud, mich zur Durchsicht der Unterlagen niederzulassen.

Ich tat es und sah sorgsam durch, was sich in der Mappe befand. Es waren umfangreiche Dokumente über den bisherigen und den neuen Besitzer und Eigentümer der Caravela und bis ins Detail über das Schiff selbst. Freilich war das wichtigste Dokument für mich überhaupt die galicische notarielle Schenkungsurkunde.

Selbst ein Empfehlungsschreiben des Don war darunter, der es nach wohlklingenden Worten mit seinem vollständigen Namen und dem Siegel seiner hochgestellten Familie versehen hatte.

Als ich eines der letzten Papiere zur Hand nahm, staunte ich nicht schlecht. Trotz der Ahnung über die persönlichen Umstände des galicischen Edelmannes, die ich gehabt hatte, war ich über die Maßen verwundert, festzustellen, dass es sich bei Don Esteban um einen fernen Verwandten der berühmten Familie Farnese handelte, die gegenwärtig eine ihrer Damen an höchster Position im Lande wusste, nämlich Isabella Farnese. Diese Frau war die Königin von Spanien!

Entsprechend war dieses Pergamentblatt mit Band und Siegel seiner hochgestellten Familie versehen, mit einem Adler mit ausgebreiteten Flügeln als Helmzier eines aufwendig gestalteten Helms und darunter einer auf dem Meer segelnden Caravela. Unter klaren, unmissverständlichen Worten wurde ich, Kapitän Samuel Aengus Finch aus Dursey Island, Irland als rechtmäßiger Besitzer und neuer Eigentümer der Caravela bezeichnet. Mir erschien dieses Papier als ein höchst persönliches Dokument, das von Don Esteban bewusst derart gestaltet worden war. Zuunterst stand sein in exakter, dabei leicht geschwungener Weise geschriebener Name.

Nichts war vergessen worden, alles sorgsam zusammengestellt. Wäre es anders gewesen, hätte ich mich gewundert. So sehr glaubte ich, den galicischen Edelmann bereits zu kennen!

Als ich zu Don Esteban zurückkehrte, der am steinernen Geländer stand und reglos auf das Meer sah, dankte ich ihm. „Wollt Ihr mir verraten, was sich in der Schatulle befand, Don Esteban?“

Er zögerte, doch schließlich wandte er sich mir zu. „Ein Kompass! Der Kompass, den mir mein Bruder anfertigen ließ, Capitán. Für mich, den Navigator auf unseren gemeinsamen Fahrten über die Meere.“

Ich staunte, war zugleich bewegt, und dachte einen Moment später praktisch. „Er war nach all den Monaten im Salzwasser unbeschädigt?“

„Er befand sich in einer metallenen Schatulle innerhalb der Holzschatulle, in die offenbar kein Wasser eindrang. Der Kompass war jedenfalls gänzlich unbeschädigt. Was einem Wunder gleichkommt, findet Ihr nicht auch, Capitán?!“

Ich bejahte.

*

In den noch verbleibenden Tagen in La Coruña füllte sich der Laderaum der Caravela mit allem, was wir für eine längere Seereise an Bord unbedingt brauchten. Das Schiff erhielt eine andere Galionsfigur als die bisherige, denn aus dem schwarzen Pferd wurde ein weißes Einhorn mit goldener Harfe auf der Brust und goldenem Horn auf der Stirn. Am Heck flatterte fortan die große Harfenflagge auf grünem Grund und hoch oben am Großmast ein schmaler grüner Harfenwimpel.

Das stolze Schiff erhielt den Namen Saoirse (Freiheit), den es für meine Männer und mich über alle Meere der Welt tragen würde.

Am Morgen, ehe die Caravela aus dem Hafen segelte, hatte sich Don Esteban am Kai eingefunden. „Capitán, segelt mir die Caravela im Namen meines geliebten Bruders Francisco über alle Meere und lasst sie die Wasser unter ihrem edlen Kiel spüren. Darum bittet euch mein Bruder und darum bitte auch ich Euch!“

Esteban mit Kompass am Hafen
Don Esteban und sein Kompass

*

Im Jahr darauf, als wir erneut nach La Coruña kamen und ich der Einladung Don Estebans in sein Stadthaus folgte, schien er mir verändert zu sein. Er wirkte offener, dem Leben zugewandter. Noch lag bei mancher Erzählung eine Färbung von leichter Melancholie in seiner Stimme, doch der Blick seiner Augen war nicht mehr stumpf, sondern lebendig.

Seit ich gewusst hatte, dass ich La Coruña wieder anlaufen würde, hatte ich einen bestimmten Gedanken im Kopf und es drängte mich danach, meinem Gastgeber eine Frage zu stellen: „Könntet Ihr Euch vorstellen, Don Esteban, mein künftiger Navigator auf der Caravela zu sein?“

Der Galicier schien überrascht, beinahe erschrocken, antwortete nicht vorschnell. „Ihr unterbreitet mir ein äußerst verlockendes Angebot, Capitán.“ Er machte eine Pause, in der er sich ans Geländer des Balkons stellte, auf dem wir standen, und blickte für lange Zeit schweigend aufs Meer. „Gebt mir Zeit, Capitán. Gebt mir für eine Antwort Zeit bis zum frühen Morgen“, bat er. Selbstverständlich gewährte ich ihm diese Bitte.

Am nächsten Morgen, noch ehe die Bordwache wechselte, war ich an Deck und sah auf den Kai, über dem wie über dem Wasser zerfasernder Nebel hing. Noch brannten die Lichter in den Laternen, als eine einsame Gestalt zwischen den ersten Häusern zu sehen war. Es war ein großgewachsener Mann, ausgesprochen schlank, der ein einfaches schwarzes Hemd und schwarze Hosen trug. Die Stiefel waren aus robustem Leder. Auf der Schulter trug der Mann einen Seesack, der alles enthalten sollte, was er aus seinem Leben in La Coruña mit an Bord eines Schiffes nehmen würde.

Tiefe Zufriedenheit, ja stille Freude und auch Erwartung bemächtigte sich meiner, als ich in dem Mann Don Esteban erkannte. Endlich hatte er sich entschlossen, seiner Bestimmung zu folgen!

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